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Ein kurzes Geschichts-Quiz. Welcher Staat…

(1) … entstand nach einem Völkermord, der ein Drittel seiner Bevölkerung dahin raffte?
(2) … zog aus dem Erleiden dieses Völkermord die Schlussfolgerung, dass allein ĂŒberlegene militĂ€rische Schlagkraft sein Überleben sichern könne?
(3) … sprach der Armee eine derartig zentrale Rolle in seinem Leben zu, dass es sich schließlich eher um „eine Armee, die einen Staat hat, denn um einen Staat, der eine Armee hat“ handelte?
(4) … begann ursprĂŒnglich Land durch Kauf zu erwerben, und setzte diese Landnahme dann durch Eroberung und Annexion fort?
(5) … bemĂŒhte sich mit allen möglichen Mitteln neue Immigranten anzuziehen?
(6) … betrieb in den besetzten Gebieten eine gezielte Siedlungspolitik?
(7) … versuchte die nationale Minderheit durch schleichende ethnische SĂ€uberung los zu werden?

Wer die Antwort noch nicht gefunden hat: gemeint ist der Preußenstaat.

Doch wenn einige Leser versucht sein sollten, zu glauben, dies alles betreffe den Staat Israel – dann haben auch sie Recht. Diese Beschreibung passt auch auf unsern Staat. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Staaten ist bemerkenswert. Die LĂ€nder sind zwar geographisch sehr verschieden von einander und das gleiche gilt fĂŒr die historischen Epochen, aber gewisse Ähnlichkeiten können kaum geleugnet werden.

DER STAAT, der 350 Jahre lang als Preußen respektiert und gefĂŒrchtet wurde, begann seine Existenz unter einem anderen Namen: Mark Brandenburg. (Mark= Grenzgebiet). Dieses Gebiet im Nordosten Deutschlands wurde seinen slawischen Bewohnern entrissen und lag in seinen frĂŒhen Tagen außerhalb des deutschen Reiches. Bis zum heutigen Tag tragen viele seiner Orte (einschließlich Berliner Stadtviertel wie Pankow) eindeutig slawische Namen. Man könnte sagen, dass Preußen auf den Ruinen eines anderen Volkes entstand (von denen einige Nachkommen noch immer dort leben) .

Eine historische KuriositĂ€t: zunĂ€chst wurde das Land mit Geld gekauft. Das Haus Hohenzollern, eine Adelsfamilie aus SĂŒddeutschland, kaufte das Gebiet Brandenburg dem deutschen Kaiser fĂŒr 400 000 ungarische Gulden ab. Ich weiß nicht, in welcher Relation diese Summe zu der Geldmenge steht, die der jĂŒdische Nationalfonds fĂŒr Teile PalĂ€stinas vor 1948 bezahlte.

Das Geschehen, das die Geschichte Preußens weitgehend bis zum 2. Weltkrieg prĂ€gte, war ein Völkermord: der 30-JĂ€hrige Krieg. WĂ€hrend dieser Jahre von 1618- 1648 kĂ€mpften praktisch alle Armeen Europas auf deutschem Boden gegeneinander und zerstörten alles, was ihnen in den Weg kam. Die Soldaten, viele von ihnen Söldner, der Abschaum der Erde, mordeten und vergewaltigten, plĂŒnderten und raubten, brannten ganze StĂ€dte nieder und vertrieben die bedauernswerten Überlebenden von ihrem Land. In diesem Krieg wurde ein Drittel der deutschen Bevölkerung umgebracht und zwei Drittel der Dörfer zerstört. (Berthold Brecht setzte diesem Völkermord in seinem StĂŒck „Mutter Courage“ ein Denkmal.)

Norddeutschland ist eine große, weite Ebene. Seine Grenzen werden nicht durch einen Ozean, eine Gebirgskette oder eine WĂŒste geschĂŒtzt. Die preußische Antwort auf die Verheerung durch den Völkermord war eine eiserne Mauer: eine mĂ€chtige regulĂ€re Armee, die Meer und Gebirge ersetzen sollte, und bereit sein wĂŒrde, den Staat gegen alle möglichen Verbindungen potentieller Feinde zu verteidigen.

Zu Anfang war die Armee ein wesentliches Instrument zur Verteidigung der bloßen Existenz des Staates. Im Laufe der Zeit wurde sie zum Mittelpunkt des nationalen Lebens. Was als „preußische VerteidigungskrĂ€fte“ begann, wurde zu einer aggressiven Eroberungsarmee, die von allen seinen Nachbarn gefĂŒrchtet wurde. Einigen preußischen Königen galt das Hauptinteresse ihres Lebens der Armee. Eine Zeit lang stellten die Soldaten und ihre Familien mehr als ein Viertel der Berliner Bevölkerung dar. Eine alte preußische Redensart lautet: „Der Soldate ist der beste Mann im Staate“. Die Anbetung der Armee wurde zum Kult, ja, fast zur Religion.

PREUSSEN WAR nie ein „normaler“ Staat mit einer homogenen Bevölkerung, die Jahrhunderte lang zusammen lebte. Durch eine raffinierte Kombination militĂ€rischer Eroberung, Diplomatie und strategischer Heiraten gelang es ihren Herren, dem Kernland mehr und mehr Gebiete anzuschließen. Diese waren nicht einmal unter einander verbunden und einige waren sogar ziemlich weit von einander entfernt.

Eines davon war das Gebiet, das dem Staat seinen Namen gab: Preußen. Das ursprĂŒngliche Preußen lag an der KĂŒste der Ostsee, und gehört jetzt zu Polen und Russland. ZunĂ€chst waren sie vom Deutschritterorden, einem deutschen religiös-militĂ€rischen Orden, erobert worden, der wĂ€hrend der KreuzzĂŒge in Akko gegrĂŒndet wurde (die Ruinen seiner Hauptburg Montfort – Starkenberg – stehen noch heute in GalilĂ€a). Statt die UnglĂ€ubigen in einem fernen Land zu bekĂ€mpfen, entschieden sich die deutschen Kreuzfahrer, dass es mehr Sinn mache, die benachbarten Heiden zu bekĂ€mpfen und ihnen das Land zu rauben. Im Laufe der Zeit gelang es den FĂŒrsten von Brandenburg, dieses Land zu erobern, und seinen Namen fĂŒr das ganze Herrschaftsgebiet zu ĂŒbernehmen. Es gelang ihnen auch, im Rang aufzusteigen: aus Markgrafen wurden KurfĂŒrsten und schließlich Könige.

Der Mangel an HomogenitĂ€t der preußischen Lande – zusammengesetzt aus verschiedenen und nicht zusammenhĂ€ngenden Gebieten – ließ die wichtigste preußische Schöpfung entstehen: den Staat. Dies war der Faktor, der die verschiedensten Bevölkerungen einte, die alle weiter an ihrem lokalen Patriotismus und ihren Traditionen hingen. Der „Staat“ wurde zu einer heiligen Sache, allen anderen LoyalitĂ€ten ĂŒbergeordnet. Preußische Philosophen sahen den Staat als eine Inkarnation fĂŒr alle sozialen Tugenden, als Triumph der menschlichen Vernunft.

Der preußische Staat wurde so zu einer sprichwörtlichen Institution. Obwohl er von seinen Feinden dĂ€monisiert wurde, war er in vielerlei Weise vorbildlich : gut organisiert, ordentliche und gesetzestreue Strukturen, seine BĂŒrokratie ohne Korruption. Der preußische Beamte erhielt ein armseliges Gehalt, lebte bescheiden und war stolz auf seinen Status. Er verabscheute Großtuerei. Schon vor mehr als hundert Jahren (1881) hatte Preußen (durch Bismarck) ein System der Krankenversicherung erhalten – lange bevor andere wichtige LĂ€nder davon nur trĂ€umten. Es war auch vorbildlich, was die religiöse Toleranz betraf. Friedrich der Große erklĂ€rte, dass „jeder nach seiner Facon selig werden solle“. Einmal soll er geĂ€ußert haben, dass er TĂŒrken – sollten jemals welche nach Preußen kommen und sich dort ansiedeln – Moscheen bauen wĂŒrde ( 250 Jahre spĂ€ter verabschiedeten die Schweizer ein Referendum , das den Bau von Minaretten in ihrem Land verbietet).

PREUSSEN WAR ein sehr armes Land, dem natĂŒrliche Ressourcen wie Mineralien und fruchtbarer Boden fehlte. (Deshalb wurden Kartoffeln eingefĂŒhrt) Es verwendete seine Armee, um reichere Gebiete zu erobern.

Auf Grund der Armut war es dĂŒnn besiedelt. Die preußischen Könige bemĂŒhten sich sehr darum, neue Immigranten ins Land zu bringen. Als 1731 Zehntausende von Protestanten aus dem Salzburger Raum von ihren katholischen FĂŒrsten vertrieben wurden, lud der König von Preußen sie in sein Land ein. Sie machten sich in großen Massen mit ihren Familien und ihrem gesamten Besitz auf einen Fußmarsch nach Ostpreußen und durchquerten dabei ganz Deutschland . Als die französischen Hugenotten (Protestanten) von ihren katholischen Königen abgeschlachtet wurden, wurden sie nach Preußen eingeladen und in Berlin angesiedelt, wo sie viel zur Entwicklung des Landes beitrugen. Auch Juden wurde es erlaubt, in Preußen zu siedeln, um zu seinem Wohlstand beizutragen. Der Philosoph Moses Mendelssohn war einer der hellsten Sterne der preußischen Intelligenz

Als Polen 1771 zwischen Russland, Österreich und Preußen aufgeteilt wurde, bekam der preußische Staat ein nationales Minderheitenproblem . In dem neuen Gebiet lebte eine große polnische Bevölkerung, die fest an ihrer NationalitĂ€t und Sprache festhielt, wie die Sorben heute noch. Die preußische Antwort war eine massive Siedlungskampagne, die sehr gut organisiert und bis ins kleinste Detail geplant war. Die Siedler bekamen ein StĂŒck Land und viele VergĂŒnstigungen. Die polnische Minderheit dagegen wurde auf jede mögliche Weise unterdrĂŒckt und diskriminiert. Die preußischen Könige wollten ihr neu erworbenes Land „germanisieren“, so wie die israelische Regierung die besetzten Gebieten „judaisieren“ will.

Diese preußische BemĂŒhung hatte direkten Einfluss auf die jĂŒdische Kolonisierung PalĂ€stinas. Sie diente als Vorbild fĂŒr den Vater des zionistischen Siedlungsunternehmens, Arthur Ruppin, und es kann nicht als Zufall gelten, dass Ruppin ebenda, in den polnischen Gebieten Preußens, geboren wurde und aufwuchs.

ES IST unmöglich, den Einfluss des preußischen Modells auf die zionistische Bewegung in fast allen Lebensgebieten zu ĂŒbertreiben.

Theodor Herzl, der GrĂŒnder der Bewegung, wurde in Budapest geboren und lebte in Wien. Er bewunderte das neue Deutsche Reich, das 1871 gegrĂŒndet wurde, als er gerade 11 Jahre alt war. Der König von Preußen – dessen Staatsgebiet mehr als die HĂ€lfte des gesamten Reichsgebiets stellte – wurde zum deutschen Kaiser gekrönt, und Preußen bildete das neue Reich nach seinem Bilde. Herzls TagebĂŒcher sind voller Bewunderung fĂŒr den deutschen Staat. Er hofierte Wilhelm II., König von Preußen und Kaiser von Deutschland, der so gnĂ€dig war, ihn in einem Zelt vor den Toren Jerusalems zu empfangen. Er wollte, dass der Kaiser der Schutzherr des zionistischen Unternehmens werde, aber Wilhelm merkte nur an, dass der Zionismus zwar eine gute Idee sei, „er mit Juden aber nicht realisiert werden könne“.

Herzl war nicht der einzige, der dem zionistischen Unternehmen einen preußisch-germanischen Stempel aufdrĂŒcken wollte. Darin wurde er von Ruppin in den Schatten gestellt, der heute von israelischen Schulkindern vor allem als Straßenname bekannt ist. Aber Ruppin hatte einen enormen Einfluss auf das zionistische Unternehmen, mehr als jede andere Einzelpersönlichkeit. In ihrer prĂ€genden Periode, in den Jahren der zweiten und dritten Einwanderungswelle (Aliya) – im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts – war er der wirkliche FĂŒhrer der zionistischen Einwanderer PalĂ€stinas. Er war der geistige Vater von Berl Katznelson, David Ben Gurion und ihrer Generation, den GrĂŒndern der zionistischen Arbeiterbewegung, die zu einer dominanten Stellung nicht nur in der jĂŒdischen Gesellschaft PalĂ€stinas, sondern auch spĂ€ter in Israel gelangte. Er war es, der praktisch den Kibbuz und den Moshav (kooperative Siedlung) erfunden hat.

Wenn es so ist, warum ist er aus dem offiziellen GedĂ€chtnis fast verschwunden? Weil man einige Seiten Ruppins besser vergessen sollte. Bevor er Zionist wurde, war er ein extremer preußisch-deutscher Nationalist. Er war einer der VĂ€ter des „wissenschaftlich“ rassistischen Glaubens und war von der Überlegenheit der arischen Rasse ĂŒberzeugt. Bis zum Ende beschĂ€ftigte er sich mit dem Abmessen von SchĂ€deln und Nasen, um verschiedene rassistische Ideen zu bestĂ€tigen. Seine deutschen Partner und Freunde pflegten die „Wissenschaft“, die Adolf Hitler und seine AnhĂ€nger inspirierten.

Die zionistische Bewegung wĂ€re unmöglich gewesen, wenn ihr nicht ein Heinrich GrĂ€tz vorausgegangen wĂ€re, der Historiker, der das historische Bild der Juden geschaffen hat, das wir alle in der Schule lernten. GrĂ€tz, der auch im polnischen Gebiet Preußens geboren worden war, war ein SchĂŒler der preußisch-deutschen Historiker, die die deutsche Nation „erfanden“, ganz so wie er spĂ€ter auch die jĂŒdische Nation „erfand“.

Das Wichtigste, das wir vielleicht Preußen zu verdanken haben, ist die geheiligte Idee des „Staates“ (Medina auf HebrĂ€isch) – eine Idee, die unser ganzes Leben beherrscht. Die meisten LĂ€nder werden offiziell „Republik“ (Frankreich z.B.) genannt, Königreich (Britannien) oder Föderation (Russland). Der offizielle Name „Staat Israel“ ist im Wesentlichen preußisch.

ALS ICH das erste Mal die Ähnlichkeiten zwischen Preußen und Israel zur Sprache brachte (ich widmete diesem Thema ein Kapitel in der hebrĂ€ischen und deutschen Ausgabe meines Buches von 1967 „Israel ohne Zionisten“), sah es wie ein unbegrĂŒndeter Vergleich aus. Heute ist das Bild klarer. Nicht nur, dass das ranghohe Offizierkorps einen zentralen Platz in allen Lebensbereichen einnimmt – das riesige MilitĂ€rbudget steht bei uns außerhalb jeder Diskussion – sondern auch unsere tĂ€glichen Nachrichten sind voll typischer „preußischer“ Beispiele. Zum Beispiel stellt es sich heraus, dass das Gehalt des Generalstabschefs doppelt so hoch ist wie das des MinisterprĂ€sidenten. Der Minister fĂŒr Erziehung und Bildung hat angekĂŒndigt, dass die Schulen in Zukunft danach bemessen werden wĂŒrden, wie viele ihrer SchĂŒler sich freiwillig zu Kampfeinheiten melden wĂŒrden. Das klingt irgendwie bekannt – aber auf Deutsch 


Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs entschieden die vier BesatzungsmĂ€chte, Preußen aufzulösen und sein Gebiet auf mehrere BundeslĂ€nder, Polen und die UDSSR, aufzuteilen. Das geschah im Februar 1947 – nur 15 Monate vor der GrĂŒndung des Staates Israel.

Jeder der an Seelenwanderung glaubt, kann seine eigenen Schlussfolgerungen ziehen. Es ist sicherlich nachdenkenswert.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs und Christoph Glanz vom Verfasser autorisiert)

Eine Vorstellung
( Inserat in Haaretz)

Der Vorhang geht auf
Jeder kennt seine Rolle

Die Siedler streiten mit den Inspektoren
WĂ€hrend des Tages
Und nachts zĂŒnden sie
palÀstinensische Wagen an.
Netanjahu schickt Fotos nach Washington.
„Sieh wie schwer es ist!“

Und hinter der Szene kein Siedlungsstop
Das Bauen geht weiter.
Keine Verhandlungen – die Regierung
Hat nichts zu bieten.

Nur der Marsch in die Katastrophe geht weiter.

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