Das Drama und die Farce

Uri Avnery

„Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufĂŒgen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“
Karl Marx, „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, 1852.

ES HAT keinen Sinn, zu vertuschen: in der ersten Runde des Wettkampfes zwischen Barack Obama und Binyamin Netanyahu ist Obama geschlagen worden.

Obama forderte ein Einfrieren der SiedlungstĂ€tigkeit, einschließlich der in Ost-Jerusalem, als Vorbedingung fĂŒr die Einberufung eines Dreiergipfeltreffens, in dessen Folge beschleunigte Friedensverhandlungen starten sollten, die zum Frieden zwischen zwei Staaten fĂŒhren sollten – Israel und PalĂ€stina.

In einem alten Sprichwort heißt es: eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt . Netanyahu hat Obama beim ersten Schritt ein Bein gestellt. Der PrĂ€sident der Vereinigten Staaten ist gestolpert.

Im Waldorf Astoria in New York, am 22.September 2009. Reuters Pictures

DAS DREIERTREFFEN fand tatsĂ€chlich statt. Aber anstelle eines leuchtenden Erfolges der neuen amerikanischen Regierung sind wir Zeugen einer demĂŒtigenden Demonstration von SchwĂ€che geworden. Nachdem Obama sich gezwungen sah, seine Forderung nach dem Einfrierens des Siedlungsbaus aufzugeben, wurde das Treffen leer und inhaltslos.

Mahmoud Abbas war schließlich trotz allem gekommen. Er war aber gegen seinen Willen dorthin gezerrt worden. Der palĂ€stinensische FĂŒhrer konnte die Einladung Obamas, seiner einzigen StĂŒtze, nicht ausschlagen. Aber er wird fĂŒr diesen Flug einen hohen Preis zahlen: die PalĂ€stinenser und die ganze arabische Welt haben seine SchwĂ€che gesehen. Und Obama, der seine Regierungszeit mit einer leidenschaftlichen Rede an die muslimische Welt aus Kairo begonnen hatte, sah jetzt wie ein gebrochenes Rohr aus.

Die israelische Friedensbewegung hat einen weiteren schmerzvollen Schlag einstecken mĂŒssen. Sie hatte ihre Hoffnung auf die Standhaftigkeit des amerikanischen PrĂ€sidenten gesetzt. Obamas Sieg und das Einfrieren des Siedlungsbaus sollten der israelischen Öffentlichkeit zeigen, dass Netanyahus Verweigerungspolitik in die Katastrophe fĂŒhre.

Aber Netanyahu hat gewonnen und zwar haushoch. Er hat nicht nur ĂŒberlebt, er hat nicht nur gezeigt, dass er kein „Sucker“ ist („GrĂŒnschnabel“, ein Wort, das er stĂ€ndig benĂŒtzt), er hat seinem Volk – und der breiten Öffentlichkeit – bewiesen, dass es da nichts zu fĂŒrchten gibt. Obama ist nichts als ein Papiertiger. Der Siedlungsbau kann also ungehindert weitergehen. Die Verhandlungen, die beginnen werden, falls sie ĂŒberhaupt beginnen, können bis zum Kommen des Messias weitergehen. Es wird nichts dabei herauskommen.

FĂŒr Netanyahu ist die Friedensgefahr erst einmal gebannt – mindestens fĂŒr den Augenblick.

ES IST kaum zu verstehen, wie Obama selbst in diese peinliche Situation geraten ist.

Macchiavelli sagte einmal, man solle einen Löwen nicht reizen , es sei denn, man könne ihn auch töten. Und Netanyahu ist nicht einmal ein Löwe, sondern nur gerade ein Fuchs.

Warum bestand Obama auf dem Einfrieren des Siedlungsbaus – an sich eine sehr vernĂŒnftige Forderung – wenn er nicht in der Lage ist, seinen Mann zu stehen? Oder mit anderen Worten, wenn er nicht in der Lage ist, Netanyahu dazu zu zwingen?

Bevor man solch eine Kampagne beginnt, muss ein Staatsmann das Aufgebot der KrĂ€fte abschĂ€tzen: Welche stehen mir zur VerfĂŒgung? Welche KrĂ€fte arbeiten gegen mich? Wie entschlossen ist die andere Seite? Welche Mittel bin ich bereit, anzuwenden? Wie weit bin ich vorbereitet, meine Macht einzusetzen?

Obama hat eine Menge fĂ€higer Berater, denen Ram Emanuel vorsteht, dessen israelischer Ursprung (und Name) ihm vermutlich spezielle Einsichten geben sollten. George Mitchell, ein abgebrĂŒhter und erfahrener Diplomat, hĂ€tte eigentlich ernst zu nehmende Beurteilungen liefern mĂŒssen. Wie kommt es, dass sie versagten?

Die Logik wĂŒrde sagen, dass bevor Obama den Kampf beginnen wĂŒrde, er sich entschieden haben sollte, welche Druckmittel er verwenden wĂŒrde. Das Arsenal ist unerschöpflich: von einer Drohung durch die USA, ihr Vetorecht bei der nĂ€chsten Abstimmung des UN-Sicherheitsrats nicht anzuwenden, bis zur Entscheidung, die nĂ€chste Waffenlieferung zu verzögern. James Baker, 1992 der Außenminister von George Bush sen., drohte damit, die amerikanischen Garantien fĂŒr Israels Anleihen im Ausland zurĂŒckzuhalten. Das genĂŒgte, um Yitzhak Shamir zur Madrider Konferenz zu bringen.

Es scheint, dass Obama entweder nicht in der Lage oder nicht willens war, solchen Druck auszuĂŒben, nicht einmal im Geheimen oder hinter den Kulissen. In dieser Woche erlaubte er sogar der amerikanischen Flotte, mit der israelischen Luftwaffe grĂ¶ĂŸere gemeinsame Kriegsspiele durchzufĂŒhren.

Einige Leute hofften, dass Obama den Goldstone-Bericht als Druckmittel auf Netanyahu. verwenden wĂŒrde. Es hĂ€tte schon ein Wink genĂŒgt, dass die USA ihr Vetorecht bei der Abstimmung im Sicherheitsrat nicht anwenden wĂŒrde, um in Jerusalem Panik ausbrechen zu lassen. Stattdessen veröffentlichte Washington ein Statement, das Israels Propaganda gegen den Bericht unterstĂŒtzt.

NatĂŒrlich ist es fĂŒr die USA schwierig, Kriegsverbrechen zu verurteilen, die denen ihrer eigenen Soldaten so sehr gleichen . Wenn Israels Kommandeure vor Gericht in Den Haag gebracht werden sollten, könnten die amerikanischen GenerĂ€le die nĂ€chsten sein. Bis jetzt sind nur die Kriegsverlierer angeklagt worden. Wohin wĂŒrde die Welt wohl kommen, wenn auch die, die weiter im Amt bleiben, angeklagt werden?

DIE UNVERMEIDLICHE Schlussfolgerung ist, dass Obamas Niederlage die Folge einer falschen EinschÀtzung der Situation ist. Seine Berater, die als erfahrene Politiker angesehen werden, hatten sich in den beteiligten KrÀften verschÀtzt.

Das ist schon bei der entscheidenden Gesundheitsdebatte geschehen. Die Opposition ist weit stĂ€rker als von Obamas Leuten vorausgesehen wurde. Um aus diesem Dilemma irgendwie herauszukommen, benötigt Obama die UnterstĂŒtzung von jedem Senator und Kongressmann, den er kriegen kann. Dies vergrĂ¶ĂŸert automatisch die Macht der pro-Israel-Lobby, die sowieso schon einen ungeheuren Einfluss im Kongress hat.

Das letzte, was Obama in diesem Moment benötigt, wĂ€re eine KriegserklĂ€rung der AIPAC & Co. Netanyahu, ein Experte in amerikanischer Innenpolitik, spĂŒrte Obamas SchwĂ€che und nĂŒtzte sie prompt aus.

Obama konnte nichts anderes tun, als mit den ZĂ€hnen knirschen und klein beigeben.

Diese Debatte ist zu diesem Zeitpunkt besonders schmerzhaft. Der Eindruck wird schnell immer grĂ¶ĂŸer, dass er tatsĂ€chlich ein besonders inspirierender Redner mit einer erhebenden Botschaft ist, aber ein schwacher Politiker, der seine Vision nicht in RealitĂ€t umsetzen kann. Falls sich dieses Bild bei ihm verfestigt, kann dies einen Schatten auf seine ganze Regierungszeit werfen.

ABER IST Netanyahus Politik von Israels Standpunkt aus eine weise Politik?

Der Sieg ĂŒber Obama könnte sich als Pyrrhussieg herausstellen.

Obama wird nicht verschwinden. Er hat noch drei und ein halbes Jahr vor sich und danach vielleicht noch einmal vier. Das ist eine Menge Zeit, um sich an jemandem zu rĂ€chen, der ihn in einem heiklen Moment zu Beginn seiner Amtszeit verletzt und gedemĂŒtigt hat.

Man weiß natĂŒrlich nicht, was sich tief in Obamas Herz und in seinen Gedanken abgespielt hat. Er ist introvertiert und lĂ€sst sich nicht in die Karten sehen. Die vielen Jahre als junger Schwarzer in den USA haben ihn wahrscheinlich gelehrt, seine GefĂŒhle zurĂŒckzuhalten.

Er kann die Schlussfolgerung ziehen und in den Fußstapfen all seiner VorgĂ€nger seit Dwight Eisenhower treten ( abgesehen von Vater Bush wĂ€hrend Bakers kurzer Zeit, in der er das Kriegsbeil schwang): Leg dich nicht mit Israel an! Mit Hilfe seiner Partner und Dienerschar in den USA, kann dies bei einem PrĂ€sidenten schwerwiegenden Schaden anrichten.

Er kann aber auch die gegenteilige Schlussfolgerung ziehen: Warte den rechten Augenblick ab, wenn deine Position in der innerpolitischen Arena fest ist, dann zahle Netanyahu mit Zinsen zurĂŒck. Wenn dies geschieht, dann wird sich Netanyahus Siegesmiene als verfrĂŒht herausstellen.

FALLS ICH um Rat gefragt werden wĂŒrde ( keine Angst, das geschieht nicht !), dann wĂŒrde ich ihm sagen:

Das Schmieden des israelisch-palĂ€stinensischen Friedens wĂŒrde eine historische Wende bedeuten, die Umkehrung eines 120 Jahre langen Trends. Das ist keine leichte Operation, die man nicht unĂŒberlegt auf sich nehmen sollte. Es ist keine Angelegenheit von Diplomaten und Beamten. Dies fordert einen entschlossenen FĂŒhrer mit einem festen Herzen und einer ruhigen Hand. Wenn man dafĂŒr nicht bereit ist, sollte man nicht anfangen.

Ein amerikanischer PrĂ€sident, der solch eine Rolle ĂŒbernehmen will, muss einen klaren und detaillierten Friedensplan mit striktem Zeitplan formulieren und bereit sein, all seine Ressourcen und all sein politisches Kapital fĂŒr diese Realisierung zu investieren. Unter anderem muss er bereit sein, der mĂ€chtigen Israel-Lobby direkt gegenĂŒber zu treten.

Dies wird nicht gelingen, wenn die öffentliche Meinung in Israel, PalĂ€stina, in der arabischen Welt, den USA und der ganzen Welt nicht im voraus grĂŒndlich vorbereitet ist. Es wird ohne eine effektive israelische Friedensbewegung, ohne starke UnterstĂŒtzung der öffentlichen Meinung der USA, besonders der jĂŒdisch-amerikanischen, ohne eine starke palĂ€stinensische FĂŒhrung und ohne arabische Einheit nicht gelingen.

Im richtigen Augenblick muss der PrĂ€sident der USA nach Jerusalem kommen und sich vom Knessetpodium aus an die israelische Öffentlichkeit wenden, wie es Anwar Sadat und PrĂ€sident Jimmy Carter taten und sich im palĂ€stinensischen Parlament an die palĂ€stinensische Öffentlichkeit wenden, wie es PrĂ€sident Bill Clinton tat.

Ich weiß nicht, ob Obama der Mann sein wird. Einige im Friedenslager haben ihn schon aufgegeben, was tatsĂ€chlich heißt, dass sie am Frieden als solchem schon verzweifelt sind. Ich bin dafĂŒr nicht bereit.

Eine Schlacht entscheidet selten einen Krieg, und ein Fehler sagt nicht die Zukunft voraus. Eine verlorene Schlacht kann den Verlierer stÀrken; ein Fehler kann eine wertvolle Lektion erteilen.

IN EINEM seiner AufsÀtze sagte Karl Marx, dass wenn sich die Geschichte wiederholt, sie beim ersten Mal eine Tragödie sei, beim zweiten Mal eine Farce.

Der Dreier-Gipfel im Jahr 2000 in Camp David war ein großes Drama. Viele Hoffnungen waren daran geknĂŒpft; der Erfolg schien in Reichweite zu sein, und am Ende brach er zusammen. Die Teilnehmer gaben sich gegenseitig die Schuld.

Der Gipfel im Jahr 2009 im Walddorf-Astoria-Hotel war eine Farce.


Quelle: ????? ??????? The Drama and the Farce

Originalartikel veröffentlicht am 23.9.2009

AUTOR: Uri AVNERY

Übersetzt von Ellen Rohlfs

Über den Autor

Elen Rohlfs ist eine Mitarbeiterin von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk fĂŒr sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verĂ€ndert wird und daß sowohl der Autor, die Übersetzerin als auch die Quelle genannt werden.

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