Meuterei in der NATO: Die Craddock-Affäre und das Opium Afghanistans

Politik, Diplomatie

Wer in der deutschen Presse, Politik oder im Militär die Brisanz dieser Affäre erkannt hat, redet entweder über die unwichtigsten Details, übt sich in bizarren Floskeln, schweigt ganz oder ist einigermassen verwirrt. 
Dabei ist der Kern dieses beispiellosen Vorgangs folgender:

Befehle des NATO-Militärbefehlshabers Bantz Craddock (auch Chef von EUCOM, Eurasienkommando der US-Streitkäfte) zur Aussetzung von nachrichtendienstlichen Aufklärungsmissionen und gezielten Tötungen von Zivilisten wurden durch seinen direkten Untergebenen Egon Ramms (deutscher Vier-Sterne-General und Kommandeur des "Allied Joint Force Command" der NATO in Brunssum) verweigert.

Ein deutscher 4-Sterne-General meutert gegen den NATO-Oberbefehlshaber. Ein dickes Ding.

Die Affäre geriet ausgerechnet durch einen SpOn-Artikel vom 28.Januar in den Mittelpunkt öffentlichen Interesses. Dem ehrenwerten Blatt an der edlen Geheimdienstquelle wurde ein geheimer Befehl von NATO-Kommandeur Craddock an die Streitkräfte Afghanistans zugespielt.
Das Datum dieses Befehls blieb allerdings ungenannt.

Der Cradock-Befehl besagte, so SpOn, es sei

"nicht länger nötig, Geheimdienst-Aufklärung zu betreiben oder zusätzliche Beweise zu erbringen, ob jeder der Drogenhändler oder jede Drogen-Einrichtung in Afghanistan auch die Kriterien eines militärischen Zieles erfüllt"

Als Konsequenz dieser grundlegenden Veränderung der NATO-Kriegspolitik in Afghanistan wären Zehntausende Mohnbauern im völlig verarmten zentralasiatischen Land ins Visier der NATO-Bomber geraten.
Craddocks unmittelbar Untergebener Egon Ramms, deutscher General und Befehlshaber in der für Afghanistan zuständigen NATO-Basis in Brunssum, verweigerte dementsprechend schlicht die Umsetzung dieser selbst nach den völkerrechtlichen Gesetzen der Kriegführung illegalen und absurden Direktive.

Selbst aus dem ISAF-Hauptquartier in Kabul kam ein "Nein" zur Craddock-Direktive. General David D. McKiernan, selbst US-General, verlautbarte dem SpOn-Bericht zufolge Richtung NATO-Oberbefehlshaber und EUCOM-Chef Craddock er schaffe durch diesen Befehl eine "neue Kategorie von feindlichen Militärkräften" und "untergrabe" die Grundlage der ISAF-Truppen in der Besatzungszone. Deren Politik sei es nämlich

"so wenig militärische Gewalt wie möglich einzusetzen und zivile Opfer so weit wie irgend möglich zu vermeiden."

Abgesehen von dem Wahrheitsgehalt dieser Aussage: auch US-General McKiernan verweigerte demzufolge also den Befehl aus dem NATO-Hauptquartier.

Heute bestätigte die "Times" die Spiegel-Story, zumindest in ihrer "Substanz", wie es hiess.
Die Affäre nähre den von Beobachtern schon länger gehegten Verdacht, dass die US-Militärs die NATO-Alliierten dazu zwingen wolle mit dem Besprühen von Mohnfeldern n Afghanistan zu beginnen.

Nach immerhin über 7 Jahren Krieg ein interessanter Gedanke. Dass man ausgerechnet jetzt darauf kam. Und dann noch im befehlshabenden NATO-Hauptquartier.

DIE DROGENBARONE DER NATO

NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer, der gestern wegen dem Bekanntwerden der Affäre aus dem Hemd sprang, hatte im September 2006 eine von der UNO geforderte Zerstörung von Opiumfelden im besetzten Afghanistan noch strikt abgelehnt. Es läge nicht im Mandat der Besatzungstruppen einen Kampf gegen Drogen zu führen, so der NATO-Generalsekretär damals.

Gleichzeitig entblödete sich die US-Regierung unter George W.Bush nicht im gleichen Jahr noch einen mit Bedauern geschwängerten Bericht herauszugeben, in welchem selbst zugegeben wurde dass mitten in der durch die eigenen Generäle kommandierten Besatzungszone in Zentralasien innerhalb von nur 11 Monaten des Jahres 2006 insgesamt 5644 Tonnen Opium produziert worden waren - ein Anstieg um 26 Prozent.

Die Anbaufläche war gleich um 61 Prozent gewachsen. Schon damals schätzte man, dass mehr als 90 Prozent des weltweiten Heroin-Konsums aus der NATO-Besatzungszone stammten.
Dies sei, so die US-Studie damals, "trotz aller Bemühungen zur Eindämmung" nun einmal so passiert. Sehr bedauerlich.
Aber was solle man denn machen? Man sei ja nur die Besatzungsmacht.

Gleichzeitig zum Bekanntwerden der Studie feuerten ISAF-Truppen dann nach einer Explosion in der südafghanischen Stadt Kandahar laut Augenzeugenberichten wahllos auf die Einwohner und töteten eine Vielzahl völlig unschuldiger Zivilisten. Angebliche Ursache und zugleich Alibi für das Massaker: ein "Selbstmordanschlag" der seit Jahren auf magische Art und Weise nachwachsenden selbstmordsüchtigen Afghanen.

"Kurz nach dem Anschlag haben die NATO-Kräfte damit begonnen, wahllos auf die Einheimischen zu feuern", so dazu am Sonntag, dem 3.Dezember 2006 der Parlamentsabgeordnete Khalid Paschtun.  "Das Volk und ich als Parlamentsabgeordneter verurteilen diese Tat", so Paschtun, die NATO-Truppen "behandeln jeden als Terroristen".
Dazu die ISAF damals: man untersuche Vorwürfe, wonach ISAF-Soldaten nach dem Anschlag vom Sonntag "Warnschüsse" abgebeben und Zivilisten getötet hätten.

Im Jahre 2007 wunderten sich Soldaten öffentlich auf US-Militärwebseiten, warum sie eigentlich auf Befehl Opiumfelder zu bewachen hätten anstatt sie zu zerstören. US-Kommandeure hätten ihnen erklärt, die Bauern würden sich sonst bei einem Vorgehen gegen ihre einzige Einkommensquelle "den Taliban" zuwenden. Zitat des US-Leutnants Adam Lynch dazu:

"Es ist schon verrückt. Wir kommen hierher um die Taliban zu bekämpfen. Wir sehen das hier. Wir wissen dass das übel ist. Aber zur selben Zeit wissen wir dass es der einzige Weg für die Einheimischen ist Geld zu machen"

Woher nur der plötzliche Sinneswandel? Warum nun plötzlich, nach über 7 Jahren mindestens wohlwollenden Wegschauens gegenüber dem lukrativen Opiumanbau die Order aus dem NATO-Hauptquartier an die Truppen in Afghanistan gleich jeden einzelnen Mohnbauer zur Zielscheibe zu machen?

Nun - da gilt es erst einmal hinzuschauen, aus welcher Besatzungszone Afghanistans das Endprodukt Heroin eigentlich stammt. Und unter welcher Verantwortung es seit 7 Jahren angebaut wird.

98 PROZENT DES OPIUMS STAMMEN AUS DEM SÜDEN AFGHANISTANS

Was immer gern verschwiegen wird: laut des UN-Büros gegen Drogenkriminalität (UNODC) findet 98 Prozent der Opiumproduktion im Süden und Südwesten Afghanistans statt. Also in den Besatzungszonen der USA, Kanadas und Italiens. Fröhlich mit dabei: Truppen der Niederlande, Grossbritanniens und Frankreichs.

Einmal dürfen Sie nun raten, wer sich seit geraumer Zeit darüber beklagt was in der eigenen Besatzungszone so passiert, dies ständig ausgerechnet den Deutschen vorwirft und nun greinend, klagend und jammernd nach deutschen Soldaten bettelt:
Na klar - die USA, Kanada, Italien, die Niederland, Grossbritannien und Frankreich. Die armen Schweine.

Und einmal dürfen Sie raten, wer nun letzten Oktober untertänigst zusagte, dass nun ausgerechnet die deutsche Bundeswehr in den südlichen Besatzungszonen der ehrenwerten NATO-Partner "Drogenbarone" jagen soll:
Natürlich - der verhinderte Landwirtschaftsminister Franz Jung, Starbesetzung als vor sich blödelnder Garderobenständer des Verteidigungsministeriums der Berliner Schauspieltruppe an der Bundesregierung.
Natürlich weiss Behelfs-Notnagel Franz Jung auch, dass laut UNODC die Drogenanbaufläche in der deutschen Besatzungszone im Norden Afghanistans von 2007 bis Oktober 2008 um mehr als 90 Prozent zurückging.

Aber sagt er das? Nein. Er hält hübsch die Schnauze. Sonst würde noch jemand die Frage stellen warum man diesen sensationellen Rückgang innerhalb eines Jahres nicht schon 2006, 2005, 2004, 2003 und 2002 hinbekam.
Und natürlich würde vielleicht die deutsche Öffentlichkeit, wenn sie mal den Kopf aus dem Gas-Ofen nehmen würde, fragen, warum die ehrenwerten Alliierten darüber so sauer sind und quasi als Strafe für derartiges mohnanbauunfreundliches Gehabe noch extra deutsche Soldaten für den Süden anfordern.

DAS INTERVIEW VON GENERAL RAMMS

Was passierte denn nun eigentlich im Vorfeld des SpOn-Artikels? Und von wann genau datiert der Befehl von US-General, NATO-Militärbefehlshaber und EUCOM-Chef Bratz Craddock an seine Untergebenen in Afganistan (und Deutschland)?

Da kann ein Interview weiterhelfen. Aber auch da heisst es erstmal die Nebelkerzen zurückwerfen.

Der "Stern" von Bertelsmann postet auf seiner Webseite ein Interview mit dem deutschen Vier-Sterne-General Egon Ramms, welches auf den 17.Januar datiert ist.
Über dieses Ramms-Interview heisst es aber in der "Kölnischen Rundschau" vom 16.Januar, es sei bereits vor einer Woche gemacht worden, also mitten im Gazakrieg.

In diesem Interview macht der deutsche Kommandeur des NATO-"Allied Joint Force Command" brisante Äusserungen.

"F: General Ramms, zwölfmal sind Sie vergangenes Jahr in Afghanistan gewesen, zuletzt im Dezember. Allein in den zwei Tagen Ihres Aufenthalts in Kandahar und Helmand starben dort fünf Isaf-Soldaten, weitere wurden verwundet. Wie entwickelt sich die Lage?

RAMMS: Uneinheitlich. Die Provinz Helmand etwa ist sicher noch weit davon entfernt, unter Kontrolle zu sein. Aber nehmen Sie, direkt daneben, Orusgan, die Heimatprovinz des Taliban-Führers Mullah Omar: Die dort verantwortlichen Holländer haben sich von Anfang an bemüht, mit Verwaltungs-, Entwicklungs- und Landwirtschaftsexperten die Lage zu verbessern. Dort wird es stetig ruhiger, viele Hilfsorganisationen sind zurückgekehrt, unter ihnen die deutsche GTZ. Straßen, Schulen werden gebaut, die Stromversorgung verbessert. Wir können die Unterstützung der Bevölkerung nur finden, wenn wir in der Lage sind, den Menschen solche positiven Entwicklungen zu bieten. Das ist der Ansatz, den wir entwickelt haben. Die Nato-Spitze hat ihn gebilligt, wenn auch erst im zweiten Anlauf. Und die allermeisten europäischen Verbündeten und Kanada tragen ihn voll mit.

F: Wo bleibt da, was die US-Militärführung als den "kinetischen Aspekt" bezeichnet: das Bekämpfen und Erschießen der Taliban?

RAMMS: Es kann keinen Selbstzweck geben, Dörfer zu bombardieren oder auf Zivilisten zu schießen. Wir schießen zurück, wenn wir angegriffen werden. Im Wesentlichen sollten wir uns ohnehin auf die Kontrolle der Bevölkerungszentren konzentrieren. Wir müssen nicht das ganze Land flächendeckend einnehmen, sondern dort Sicherheit schaffen, wo der Großteil der Menschen lebt.

F: Wie verträgt sich das mit den amerikanischen Meldungen, die immer noch stolz die Zahlen präsentieren, wie viele Aufständische jeweils getötet wurden?

RAMMS: Das widerspricht jedem humanitären Denken. Wir töten doch nicht Aufständische zum Selbstzweck! Das Zählen von Getöteten oder die Meldungen darüber sind der falsche Ansatz.

F: Steht den westlichen Truppen mit den Taliban denn ein geeinter Gegner gegenüber?

RAMMS: Nein, da ist immer klarer zu trennen zwischen ortsansässigen Aufständischen und eingesickerten. Die hiesigen haben ein Interesse, weiter hier zu leben. Diese Rücksichtnahme fehlt den Eingeschleusten. Die werden überwiegend in Pakistan ausgebildet, kommen zum Teil aus anderen Staaten und sind allein beseelt von der Idee, Ungläubige zu töten. Ohne Rücksicht auf die Bevölkerung. Das führt zu massiven Konflikten untereinander. Ich möchte ohnehin davor warnen, alle Aufständischen als Taliban zu bezeichnen! Da werden auch viele Warlords, Drogenhändler und andere Kriminelle unter eine Bewegung zusammengefasst, die zumindest vom Ausgangspunkt her nicht als kriminell zu bezeichnen ist."

Fassen wir da mal zusammen: es werden also alle möglichen Warlords, Drogenhändler und andere Kriminelle für die Öffentlichkeit unter dem Namen "Taliban" zusammengefasst.
Na da schau her.

Auch über die Frage ob die Taliban von ihrem "Ausgangspunkt her nicht als kriminell zu bezeichnen ist" wird man von ihrem Ausgangspunkt in Washington als Allerletztes gerne reden.

"F: Kann sich die Nato denn Kritik an der US-Operation erlauben?

RAMMS: Es ist sicher so, dass wir bei der Aufklärung wie der militärischen Unterstützung mehr von OEF abhängen als die von Isaf.

F: Fordern Sie weiterhin mehr Nato-Truppen für den Einsatz?

RAMMS: Ja – aber gar nicht so viele. Die USA wollen rund 25.000 Soldaten mehr in Afghanistan haben. Wir sind innerhalb der Nato nach sehr sorgfältiger Analyse dazu gekommen, dass wir höchstens 8000 bis 10.000 Soldaten mehr brauchen. Und 2000 kurzzeitig zur Absicherung der Wahlen im nächsten Jahr."

Also... da sitzt der Untergebene des EUCOM- und NATO-Militärbefehlshaber und sagt laut und deutlich, dass sich die grossen (abgewählten) Brüder in Washington doch glatt um mindestens 13.000 Soldaten bei ihrer Anforderung für den Besatzungskrieg in Zentralasien verschätzt haben.
Stellen Sie sich mal vor das hätte irgendein Linker behauptet.

Als kurzes Fazit kann man also durchaus sagen: dieses Ramms-Interview war ein ziemlicher Knaller.
Der deutsche General machte dann noch ein bisschen Werbung für die seit Jahren freidrehenden US-geführten Operationstruppen unter dem Siegel "OEF" und beteuert treuherzig, schon im August 2007 hätte ja das US-Zentralkommando CENTCOM

"eine Weisung herausgegeben, dass sich die OEF-Truppen an die gleichen Restriktionen halten müssen wie die Soldaten unter dem Isaf-Kommando."

Leider würden sie sich einfach nicht an ihre Anweisungen halten. Also Meuterer aller Orten, könnte man sagen.

Nun war man natürlich beim NATO-Hauptquartier ob dieser offenen Worte not amused. Dabei ist General Ramms nun wahrlich keine Friedenstaube. Er ist schlicht ein Soldat der versucht einen Krieg zu gewinnen.
Aber soll der überhaupt gewonnen werden? Was passiert da eigentlich seit über 7 Jahren durch eine "Verteidigungsgemeinschaft", die wir angeblich brauchen um uns gegen Afghanistan zu verteidigen, die es aber merkwürdigerweise nicht hinbekommtes schlicht einmal zu besetzen und dann wieder zu gehen?

MERKWÜRDIGKEITEN

Seit Jahren fragt sich die deutsche Öffentlichkeit, was da eigentlich los ist in Afghanistan. Seit dem 11.September 2001 ruckzuck in Notwehr erobert, war es während des US-Einmarsches merkwürdig still am Hindukusch. Der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld verkündete gar, "die Taliban" hätten aufgehört zu existieren.

Doch dann erfolgte die gespenstische Rennaissance der Totgeglaubten, die zwar länger lebten aber sich täglich selbst in die Luft sprengten, NATO und ISAF kamen mit ihren Zahlen ja schon gar nicht mehr hinterher. Immerzu brachte man mit den Besatzungstruppen weniger Besetzte um als diese sich selber mit "Selbstmordanschlägen", bei denen man dann, pardauz, immer auch gleich dutzendweise Landsleute zu den 77 Jungfrauen schaffte.

Dass dies (nach dem Irak-Krieg) erst der zweite Besatzungskrieg in der Geschichte der Menschheit war in dem nicht die Besatzer die Besetzten umbrachten sondern angeblich die Besetzten sich gegenseitig, das wollte niemandem so recht als merkwürdig auffallen.
Auch der Begriff "Beweis" verfiel zu einem alt-, nein, neutestamentarischen Begriff vor dem man sich ekelte, ganz im Gegenteil zu den Leichen nach all den Explosionen auf den Strassen des Mittleren Ostens, die man mit Wohlgefallen als Produkt übelriechender Barbaren und ihrer heimtückischen Kriegstaktik ansah.

Man selbst ja nich, ne.
Man war da halt irgendwie reingerutscht.

Nie im Lääähben wäre man darauf gekommen, dass da vielleicht ganz normale Militärs regelmässig schlicht in eine Menschenmenge ballerten um nachher zu sagen, "ja der Afghane, der braucht Ordnung".
Oder man rekrutierte sich einfach ganz normale Söldner und Warlords samt deren Milizen. Nachher konnte man immer noch mit SpOn telefonieren und sagen "ich bin´s Achmed, der tote Terrorist und ich bin ganz schön erkältet".

In diesem Sinne lesen sich folgende Kleinigkeiten auch völlig logisch und gänzlich unverdächtig.

Mai 2007:
- es kommen Presseberichte in Deutschland auf in welchen von obskuren Spezialeinheiten in Afghanistan berichtet wird. Diese würden weder durch die NATO, noch durch die US-Feldkommandeure, noch durch das US-Zentralkommando CENTCOM kontrolliert, sondern nutzten das OEF-Mandat oder würden direkt vom Pentagon geführt. General Ramms dazu:

"Es sind in der Regel nicht die originären US-Einsatzkräfte, deren Vorgehen diese Opfer fordert."

Und weiter sagt er:

"Die amerikanische Regierung braucht aus politischen Gründen einen Erfolg im weltweiten Antiterrorkampf. Den wird sie, bei nüchterner Betrachtung der Lage, im Irak in absehbarer zeit nicht erzielen. Folglich konzentriert sie sich stärker auf Afghanistan."

Es ist schon damals wahrlich interessant mitanzusehen, wie hier die Verknüpfung von zwei Erfolgsgeschichten der Militärhistorie ohne Mucken durch die nüchterne Bevölkerung durchgewunken wird. Vom Parlament ganz zu schweigen.
Fragen zu den ominösen "Anschlägen", die das Wort "Krieg" bereits vollständig ersetzt haben, werden nicht gestellt.

Juni 2007:
- General Ramms tritt für eine Zusammenlegung der OEF und ISAF-Truppen ein.
 Wohlgemerkt: unter seiner Oberhoheit, bzw die der NATO. Ramms:

"Wenn die beiden verschmolzen werden, und die Richtung des Nato-Einsatzes beibehalten wird, dann wäre das aus meiner Sicht eine Lösung"

Der deutsche Verteidigungsminister Jung will davon natürlich nichts wissen.

Juli 2007:
- Ramms wendet sich schriftlich an Braddock mit der Forderung eigene AWACS-Flüge unter Kommandogewalt der ISAF in Afghanistan durchzuführen.
Daraufhin fragt sich der "Stern":

"Wenn Angaben stimmen, wonach der deutsche Nato-General Egon Ramms als Kommandeur der Afghanistan-Schutztruppe ISAF die Awacs-Maschinen auf Nato-Ebene deutlich vor Jungs öffentlicher Ansage zum Thema gemacht hat, stellen sich drei Fragen. Warum ging Jung nicht darauf ein? Wusste er es nicht? Und wenn ja, warum kannte er Ramms Vorstoß nicht?"

Vielleicht hing dies damit zusammen, dass bis dahin nur die USA die Informationen vom Boden durch eigene AWACS-Überwachungsflüge einsackten, die "bei Bedarf" für die NATO durchgeführt wurden.
Es schien: da wollten sich die US-Militärs schlicht nicht über die Schulter gucken lassen, bezüglich dessen was da wirklich seit Jahren in Afghanistan so vor sich geht. Und der deutsche Verteidigungsminister schwieg auch hier still dazu.

August 2007:
- wieder versucht Ramms eifrig als echter Europäer den Krieg zu gewinnen den die Amerikaner aus unergründlichen Gründen all die Jahre versemmelt haben und ruft nach mehr. Diesmal sind es mehr Polizisten. Während die EU vorhabe bloss 160 bis 195 Beamte zur Polizeiausbildung nach Afghanistan zu entsenden, würden die USA 1.600 Ausbilder nach Afghanistan schicken und dafür vier Milliarden US-Dollar ausgeben.

"Wenn wir von der Europäischen Union mitreden wollen, dann müssen wir uns etwa auf demselben Level einpendeln - und dazu sehe ich bisher keine Bereitschaft."

Auch diese Forderung, die ja wie alle anderen nichts anderes besagte ausser "die Amerikaner können nichts", würzte der pflichtbewusste NATO-General mit denselben üblichen unverdienten Lobhudeleien: das Auftreten der Amerikaner in Afghanistan sei ja schon viel besser geworden. Man habe jetzt verstanden. Die Bush-Regierung habe eingegriffen, undundund..

"Die Amerikaner haben in den letzten Jahren begriffen, dass sie diesen Einsatz nur positiv weiter entwickeln können, wenn sie es mit der afghanischen Bevölkerung machen - und so verhalten sie sich auch."

Wie gesagt: das war im August 2007. Also als Prophet wird man bei der NATO aber nix, soviel steht fest.

September 2007:
- wieder versucht Ramms irgendwie den Daumen auf den Einsatz in Afghanistan zu bekommen, auch den über die bisher exklusiv an die USA vergebenen deutschen Spezialkräfte wie das KSK unter dem OEF-Mandat.

"Man kann sich dazu entschließen, aus der Operation Enduring Freedom auszusteigen und sich ausschließlich Isaf anzuschließen",

sagt er im ZDF-Morgenmagazin. Eine solche Entscheidung vereinfache womöglich die Diskussion im Bundestag.
Doch weder Morgenmagazin noch Bundestag scheinen mitzubekommen, worum es hier eigentlich geht: die Kontrolle über die deutschen Soldaten und das Geschehen am Boden in Afghanistan.

22.Juni 2008:
- Ramms landet einen echten Heuler. In einem Interview mit dem "Deutschlandradio" lässt er nochmal, zum Hundertsen Mal die alte Platte laufen, bittet um mehr Geld, mehr Soldaten, mehr Polizisten, sagt "die Amerikaner können nix" ohne es so zu sagen und kommt immer noch nicht drauf dass die einfach nicht wollen

Das strategische Interesse der US-Militärs bestand seit 2001 darin den Krieg weiter am Köcheln zu halten, nach dem Schwenk Richtung Afghanistan weg von Irak zwar immer mehr Truppen an den Hindukusch zu schleusen, aber nur um eine strategische Konfrontation mit den Nachbarn Pakistan, Iran und China aufrecht zu erhalten sowie bei Bedarf die Region als Stützpunkt zu nutzen, was bei Pakistan ganz ohne Zweifel der Fall war und beim Iran offensichtlich.

Eine starke, eigenständige Regierung und Armee Afghanistans passt da gar nicht ins Konzept. Das muss auch Ramms wissen und erzählt trotzdem wieder einmal:

"Frage: Woran liegt das, dass das bei der Polizei so schleppend läuft?

Ramms: Die gesamte Polizeiausbildung ist beginnend ab dem Jahre 2002 nicht mit so viel Schwung aufgenommen worden wie die Ausbildung der afghanischen Streitkräfte. Wir haben zu wenige Ausbilder im Land gehabt, wir haben die Bedeutung der Polizei zu spät erkannt. Wir haben vielleicht auch die Polizeiausbildung zu Anfang in die falsche Richtung gelenkt. Dies ist etwa seit Anfang letzten Jahres vor allen Dingen durch die Amerikaner korrigiert worden, die für die Polizeiausbildung 3,6 Milliarden US-Dollar in die Hand genommen haben und zur Zeit etwa 2.800 Polizeiausbilder in Afghanistan stellen...

Frage: Wie reagiert denn die Bevölkerung auf die neuen Sicherheitskräfte, auf die Armee, auf die Polizei, denn es muss ja, um eine Stabilität im Land zu kriegen, auch ein gewisses Vertrauensverhältnis zwischen den Sicherheitskräften und der Bevölkerung vorhanden sein?

Ramms: Das Vertrauensverhältnis zwischen der afghanischen Bevölkerung und der Armee besteht und entwickelt sich weiterhin positiv. Das ist zumindest der Eindruck, den wir haben. Die afghanischen Streitkräfte gewinnen immer mehr und mehr Vertrauen bei der Bevölkerung, vor allen Dingen aus dem Grunde, weil sie als unabhängige Streitkräfte angesehen werden, weil sie nicht unter Korruptionsverdacht stehen, weil sie nicht beeinflusst werden durch lokale Größen oder dergleichen mehr..."

Man fasst sich an den Kopf und fragt sich, wieviele Bären eigentlich nebeneinander aufgebunden Platz auf dem Rücken eines einzelnen Lesers haben.

"Ramms: Diese Situation ist bei der Polizei bisher noch nicht gegeben, weil a) die Polizeiausbildung noch nicht so weit fortgeschritten ist, und weil b) - da muss man sich drüber im Klaren sein - über Stammeszugehörigkeit, Familienzugehörigkeit, Dorfzugehörigkeit, möglicherweise auch ohne Bezahlung, der eine oder andere Polizist halt eben beeinflusst wird. Wenn man dazu noch sieht, dass von 180 Dollar, die als Entlohnung für einen normalen afghanischen Polizisten im Monat in den Kanal, den Dienstkanal gegeben werden und bei dem betroffenen Polizisten nur 60 Dollar ankommen und die anderen 120 Dollar auf dem Wege unterwegs abgezweigt worden sind, dann weiß man, warum bestimmte Dinge in der afghanischen Polizei noch nicht funktionieren können und warum auch die Polizei dieses Vertrauen nicht genießt, welches die Armee sich mittlerweile erworben hat."

Es ist alle bestens, aber es hält jeder die Hand auf und macht trotzdem was er will. Verstehen Sie?
Dann will er wieder mehr Soldaten.

"RAMMS:..es wäre wünschenswert, so, wie es bei den Gipfeln in Riga und Bukarest erklärt worden ist, dass die NATO-Nationen, die ISAF-Nationen noch den einen oder anderen Verband mehr für den Einsatz in Afghanistan stellen würden, wobei sich die Zahl gar nicht so wahnsinnig groß anhört. Wir reden vielleicht über 5.000, 6.000 Soldaten insgesamt. Aber wir bräuchten diese Soldaten jetzt und sehr bald, weil wir jetzt bestimmte Räume halten müssen, weil wir jetzt Vertrauen schaffen müssen zur afghanischen Bevölkerung, und weil wir irgendwann im Jahre 2010, 2011 oder 2012 dann diese Verantwortung abgeben können an die dann entsprechend aufgewachsenen afghanischen Streitkräfte. Ich kann das auch anders formulieren:

Die Kräfte, die ich jetzt nicht habe, verzögern möglicherweise irgendwann den Abzug von NATO und ISAF. Das heißt, die Kosten, die jetzt nicht aufgebracht werden, die anstehen und die jetzt nicht geleistet werden, werden sich irgendwann in der Bilanz negativ niederschlagen."

Nichts als ein einziges blumiges Gewölk von "wünschenswert", "erklärt", "vielleicht", "wir müssen, müssen, müssen" und natürlich "irgendwann", verbunden mit der Ankündigung sonst werde alles noch schlimmer. Das definitive Highlight bringt der bemühte deutsche General dann mit folgendem Satz:

"Der eigentlich Verantwortliche für den Gesamtaufbau in Afghanistan ist die afghanische Regierung, die in vielen Bereichen dazu noch nicht verantwortlich ist"

Nichts als fauler Zauber, Hokuspokus und Gebettel um mehr, mehr, mehr für einen Krieg der nicht unter Kontrolle der deutschen Streikräfte, noch nicht einmal unter der Kontrolle der NATO ist, in dem dieser bemühte deutsche General gar nicht gewinnen kann weil die Gründe für diesen Krieg vertuscht werden, weil der Treibstoff Opium dafür immer weiter aus den südlichen Besatzungszonen in die Taschen der Warlords fliesst (deren Milizen dann die "Taliban" mimen), weil nicht im Mindesten ersichtlich ist wer eigentlich gegen wen kämpft, seit 7 Jahren Tausende Menschen für nichts sterben, 90 Prozent des weltweiten Heroinkonsums in der NATO-Besatzungszone Afghanistans produziert wird (fast alles davon im Süden) und in all dieser Zeit laut dem UN-Sonderermittler für illegale willkürliche Hinrichtungen Philip Alston Todesschwadronen aus US-Stützpunkten starten, regelmässig Massaker bei sogenannten "Razzien" begehen, das US-Militär dazu schweigt, die NATO dazu schweigt, der deutsche General Ramms dazu schweigt, die Öffentlichkeit dazu schweigt weil sie keine Ahnung haben will und jeder einfach weiter macht wie bisher.

Nun - nicht ganz vielleicht.
Die jetzige Affäre könnte dazu beitragen, dass die Deutschen endlich mal beginnen kluge Fragen zu stellen.
Die drei klügsten wären, 7 Jahre später:

"Höh? Wir sind Besatzungsmacht in Zentralasien? Ja was machen wir denn da..?"

Die allerklügste wäre natürlich:
"Was machen wir Deutschen eigentlich 20 Jahre nach Ende des Kalten Krieges immer noch in der NATO?"

(...)

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