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    Kämpfe und Hoffnungen: ein Treffen mit einer legendären Frau, Domitila Barrios de Chungara

    Von Emilie Beaudet | 21.November 2009

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    Interview mit Domitila Barrios de Chungara, Expräsidentin vom Komitee der Hausfrauen von Llallagua und Siglo XX, und aktuell an der Spitze der Guevaristischen Bewegung in Cochabamba (Bolivien), wo das Interview stattfand im Februar 2006.

    Frage: Für die Minenarbeiter und die Bolivianer im Allgemeinen erweckte die Nationalistische Revolution von 1952, die erste in Lateinamerika, viele Hoffnungen, aber auch hinterher viele Enttäuschungen. Welche Analyse haben Sie von 52?

    Antwort: Zuerst muss gesagt werden, dass in den Minen die „Ära des Zinns“ im Jahr 1900 begann. Die „Zinnbarone“, wie sie genannt wurden, waren die Besitzer von allem. Die entdeckten Zinnadern befanden sich in der Region der Cordilleras, wo es nichts gab, nicht einmal Transportmittel; es musste alles mit den Lamas hingebracht werden. In den Städten und auf dem Land wurden Leute angeworben; es wurden ihnen viele Sachen versprochen, damit sie in diese unwirtlichen Orte zum Arbeiten gingen. Und sie gingen, weil es viel Elend gab. In Wirklichkeit war der ihnen bezahlte Lohn miserabel. 60 % ihres Verdienstes mussten sie für Essen ausgeben. Daraufhin wurden sie zu Schuldnern des Minenunternehmens, das ihnen zwar den Lohn bezahlte, aber sie mussten auch alles von ihm kaufen. Die Arbeiter lebten in Höhlen und erlitten Kälte und Feuchtigkeit. Immer wenn sie auf etwas Anspruch erhoben, schickten sie ihnen die Armee zur Unterdrückung. 1923 gab es das Massaker von Uncía; danach gab es viele weitere. 1952 gelang es den Arbeitern, sich zu organisieren, um die „Zinnbarone“ hinauszuwerfen. Sie nahmen die Gewehre der Armee. Das Volk kam an die Macht, hatte aber keinen Kopf. Und das Kleinbürgertum verriet es. In Wirklichkeit wurden nur die ärmsten Minen verstaatlicht. Und die COMIBOL [die Minenkorporation von Bolivien, das 1952 geschaffene nationale Unternehmen] entschädigte sogar die Besitzer. Das gleiche geschah mit der Landreform: Sie gaben dem Volk das schlechteste Land. Der Rest, das gute Land, blieb in den Händen des Staates, als Reserve oder wurde den Ausländern geschenkt. Es wurden dank der COB [Central Obrera Boliviana, die neue, 1952 gegründete Gewerkschaft] Dinge erreicht; das Recht auf Pensionierung und Sozialversicherung für die Minenarbeiter. Es gab viele soziale Eroberungen bis zur Epoche des Neoliberalismus. Dann wurde die COMIBOL zerstört, die Arbeiter wurden entlassen und die Minen an die Ausländer übergeben. Die Minenarbeiter mussten emigrieren. Alles aus Schuld des Dreieck-Plans [Plano Triangular, 1961 eingesetzter Wirtschaftsplan als Versuch die COMIBOL zu retten und mit einer großen US – Intervention mittels des BID, Banco Interamericano de Desarollo, Interamerikanische Entwicklungsbank] und der Globalisierung.

    Domitila 1

    F: Sie waren die Präsidentin des Komitees der Hausfrauen von Llallagua und Siglo XX. Welche Ereignisse, welche Wirklichkeit schärften Ihr Bewusstsein über die Rolle, die Sie als Frau spielen sollten?

    A: In den Minen und in der Gesellschaft im Allgemeinen wird die Frau marginalisiert, vor allem von der katholischen Religion. In der Bibel, wie es die Geschichte von Eva zeigt, wird die Frau für alles Schlechte verantwortlich gemacht. Nur der Mann wird beachtet. Es heißt: „Die Frau in die Küche!“ In Bolivien konnten die Frauen früher zum Beispiel nicht zur Schule gehen. Sie hatten keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung und zur Erziehung. Dann trafen sie die Entscheidung, sich zu organisieren, zu kämpfen, um bessere Lebensbedingungen zu fordern. Die Repression war schrecklich. Bis hin zu den Frauen gab es keine Rücksichtnahme.

    F: Im Dezember 1977 machten Sie mit verschiedenen anderen Ehefrauen von Minenarbeitern einen Hungerstreik im erzbischöflichen Palast in La Paz zur Unterstützung der gefangenen Arbeiter und Anführer. In welchem Maße erlaubte es Ihnen Ihre Kraft, die Angst zu besiegen?

    A: Dank meinem Vater hielt ich stand. Er war ein Bauer. Er nahm an dem Chaco – Krieg teil und dann ging er zum Arbeiten in die Minen, wo es ihm nicht gelang, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wegen seiner Gewerkschaftstätigkeit wurde er gefangen genommen. So wollte ich seinen Kampf fortsetzen. Ich hatte Angst, aber ich wusste, dass etwas getan werden und ich stark sein musste. Ich wusste, dass wir Recht hatten, dass man gegen die Ungerechtigkeiten kämpfen muss, gegen die miserablen Löhne, die Krankheiten und gegen alles, was wir im Unterschied zur Bourgeoisie erlitten. Ich wurde in die Yungas verbannt. Bei meiner Rückkehr erwarteten mich die Leute. Das Volk gab mir seine Kraft.

    F: 1976 veröffentlichen Sie mit der brasilianischen Journalistin Moema Viezzer „Wenn man mir erlaubt, zu sprechen…“, das diese ganzen Jahre des Kampfes, den Sie in den Minen erlebten, zusammenfasst. Würden Sie heute die Dinge auf die gleiche Weise erzählen?

    A: 2002 kam Moema in die Minen zurück. Das Buch wurde neuverlegt; wir vervollständigten es. In Wirklichkeit bin ich nicht so stark, wie ich möchte. Ich reiste durch die Welt, entdeckte viele Dinge, aber die Ungerechtigkeiten bleiben überall bestehen. In Schweden zum Beispiel [dem Land, in dem sie mehrere Jahre im Exil lebte] leiden die Menschen unter der Einsamkeit, an Zeitmangel, an dem Mangel an menschlicher Wärme. Man müsste die ganze Welt retten. Heutzutage sind 20 % der Familien die Besitzer der Gesamtheit des Reichtums der Erde. Das Volk sollte sich dagegen zusammenschließen. Es ist auch furchtbar, diese jungen Leute zu sehen, die Bush in den Tod im Irak schickte. Die Welt braucht Achtung und Würde. Wir müssen die Erde schützen. Die Reichen zerstören die Mutter Erde um des Geldes willen, vergiften die Luft und das Wasser, zerstören den Planeten, die Pachamama.

    F: Welche Meinung haben Sie über den jetzigen bolivianischen Präsidenten Evo Morales?

    A: In Bolivien war eine Veränderung notwendig. Die Staatsstreiche verhinderten, dass das Volk sich ausdrücken konnte. Überall war Gewalttätigkeit. Die Parteien der Linken waren verschwunden. 1992 vereinigten sich zum Beispiel alle Parteien, um Banzer zu wählen [der General Hugo Banzer Suárez wurde 1992 gewählt, Jahre später nachdem er Bolivien in den 70er Jahren mit harter Hand regierte]. In dem Augenblick wurde die MAS gegründet [Movimiento Al Socialismo, die Bewegung für den Sozialismus]. Die mehr oder weniger dreißig verschiedenen Nationalitäten von Bolivien wurden aufgewertet. Es gab einen gesellschaftlichen Wandel. 1971 befürwortete die COB, das Volk zu organisieren, um diese Gesellschaft zu zerstören und den Sozialismus aufzubauen. Die MAS zeigte eine Möglichkeit zur Einheit. Evo Morales sagte: „Wir haben gewonnen“. Heute ist der Feind des Volkes die Rechte von PODEMOS [Poder Democrático Social, demokratisch-soziale Macht, einer von dem bolivianischen Expräsidenten Jorge „Tuto“ Quiroga angeführten Partei mit liberalen und konservativen Tendenzen]. Und für sie steht das Volk links. Aber die Dinge sind nicht ganz so einfach. Wir erlebten, wie in der Präfektur von Cochabamba Manfred [Manfred Reyes Villa, Mitglied der Partei PODEMOS] gewählt wurde, ein Rassist. Die Wahlgesetze sind eine ausgeklügelte Falle. Normalerweise muss der Präfekt die Regierung repräsentieren, aber dieses Mal war es anders, denn die Wahlen der Präfekten und des Präsidenten der Republik fielen zeitlich zusammen.

    F: Welche Tätigkeit machen Sie heute in der Guevaristischen Bewegung?

    A: Unsere Tätigkeit hat vor allem erzieherischen Charakter. Wir bilden die jungen Leute, damit sie verantwortungsbewusste Bürgerinnen und Bürger werden. Sie nehmen zum Beispiel an Seminaren über die Geschichte der Gewerkschaftsbewegung in Bolivien teil. Wir versuchen zukünftige leitende Persönlichkeiten auszubilden. Wir geben auch Konferenzen. Unser Ziel ist es, dass das Volk die Macht übernimmt, aber dafür braucht es Bildung. Dies war 1952 nicht der Fall. Man muss das Volk „bewaffnen“.

    Quelle: Luchas y esperanzas, encuentro con una mujer legendaria, Domitila Barrios de Chungara

    Originalartikel veröffentlicht am 11.11.2009

    Übersetzt von Isolda Bohler

    Über die Autorin

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    Topics: Kommentar | 1 Kommentar »

    Ein Kommentar to “Kämpfe und Hoffnungen: ein Treffen mit einer legendären Frau, Domitila Barrios de Chungara”

    1. Härpfer meint:
      22.November 2009 at 12:01 pm

      „Wenn man mir erlaubt, zu sprechen…“

      Wenn man mir erlaubt hätte zu sprechen,
      wenn man mir erlauben würde, zu sprechen…
      dann würde ich sagen, daß Frau de Chungara richtig gesehen hat!
      Auch in Deutschland gibt es Armut – das Fatale: sie ist nicht auf den ersten Blick sichtbar. Mitten in Deutschland werden Menschen enteignet – durch Hartz IV. Es bleibt nichts mehr zum Leben, nichts mehr zum Essen. Erst zwingt man uns, alles zu verbrauchen. Hat man dies getan, wird einem vorgeworfen, weshalb man denn nicht vorgesorgt habe, was aber qua Gesetz bislang verhindert wird. Und dann müssen wir um unser Überleben kämpfen, weil die Arbeitsämter das Geld nicht überweisen. Bolivien ist mitten in Deutschland, aber die Leute wollen es nicht glauben, weil nicht sein könne, was nicht in den naiven Wohlstandsglauben paßt. In Deutschland könne man nicht verhungern: oh doch! Genau dies geschieht – mitten in Deutschland. Und von uns wird auch noch verlangt, gute Miene zum bösen “Spiel” zu machen – wer immer so miesepetrig dreinschaut, dem gibt man ja keinen Job. Doch wehe, man schmunzelt einmal tatsächlich, dann ist´s garantiert der falsche Augenblick, und wir bekommen genau dies auch noch vorgeworfen: Seht her, sie lacht ja, dann kann ja alles nicht so schlimm sein, wie sie es behauptet. Doch. Es ist sogar noch viel furchtbarer. Denn hier hat alles einen demokratischen Anschein. Die Betonung liegt auf Anschein. Formal wird nach Recht und Gesetz gehandelt, doch faktisch herrscht Willkür. Wir erleben die “Bolivisierung” der Gesellschaft. Erst sind es die Armen, dann der sogenannte Mittelstand, dann das ganze Land. Erst “fiel” die DDR, als nächstes wird es Deutschland sein. In dem Maß, in dem ein Staat seine Bürger fallen läßt, in dem Maß sinkt die Loyalität. Armutsbekämpfung ist das beste Mittel für Demokratie. Aber vielleicht gibt es ja auch sogenannte “Geostrategen”, denen das Gegenteil zum Vorteil gereicht. Entweder weil sie auf ihren Schulen nie gelernt haben, daß dies kein “Spiel” ist. Wer ständig existiert nach dem Motto “was kostet die Welt”, überlegt nicht, was es bedeutet, wenn Deutschland gekauft wird.

      Auch ich reiste einmal durch die Welt und entdeckte viele Dinge. Auch deshalb vermag ich zu vergleichen, zu beurteilen. Heute möchte ich dies wieder tun, meinen erlernten Beruf als Journalistin genauso in diesem Sinn weiterhin und wieder ausüben. Bezahlt und unter meinem Namen. Wenn man mir dazu die Gelegenheit gäbe. Das würde ich sagen, wenn man mir erlaubte, zu sprechen.