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Ohne Muslime kein Europa
Von Daniel Neun | 1.Juli 2008
Ups. Das ist so ein Satz den muss man erst einmal verdauen. Muslime das ist doch Orient, das sind doch die, die auf Anweisung des CIA das World-Trade-Center zerstört haben, das sind doch diese Terroristen vor denen uns unser Schäuble immer warnt. Was haben denn die nun mit Europa zu tun.
Nun ja der Satz stammt von einem der typischen Verdächtigen. Tariq Ramadan. Klar das ist ja selber so einer. So ein Muslim. Noch schlimmer aber er stammt aus einem Redebeitrag zu einer Tagung “Muslims and Jews in Christian Europe”. Wenn das der Dr. Ulfkotte hört. Der will die Muslime doch gar nicht in Europa und sonst wohl auch nirgendwo auf der Welt haben und zusammen mit Juden. Das geht doch nicht. Das dürfen die doch gar nicht. Ulfkotte hat doch das christliche jüdische Abendland und dessen Wertegemeinschaft erfunden. Die sind doch Feinde und müssen es bleiben. .
Vollends unmöglich wird die ganze Geschichte wenn man dann auch noch liest, dass Jürgen Habermas, der Cheftheoretiker der Neuen Unübersichtlichkeit Tariq Ramadan sogar einen Handschlag gönnte und kein zorniger Gott solche Frevler mit Blitz und Donner in die Hölle fegte. Es soll sogar eine eindrückliche Veranstaltung gewesen sein:
Tariq Ramadan ging aus von Umfragen, die ergeben, dass 80 Prozent der in Europa lebenden Einwanderer aus muslimischen Ländern keine praktizierenden Moslems sind. Für sie stellen sich also die meisten der so gern als Integrationsprobleme ins Feld geführten religiösen Fragen nicht. Sie werden dennoch argwöhnisch beobachtet und einem Klima des Verdachts ausgesetzt. Es genügt nicht, Steuern, Kranken- und Sozialversicherung zu bezahlen, seine Pflichten als Staatsbürger zu erfüllen, gesetzestreu zu sein. Hat man eine andere Hautfarbe, trägt man einen fremden Namen, tut man sich gar schwer mit der Landessprache, werden immer neue Loyalitätsbeweise verlangt.
Das hat in einem anderen Interview auch Olivier Roy gesagt der die Gründe für fundamentalistischen Terrorismus nicht im Islam, sondern in Politik und generationsabhängiger Radikalisierung sieht. Die RAF, die roten Brigaden, Action Directe, ETA, und viele andere könnten ein Beispiel sein. Selbst der Krieg zwischen Protestanten und Katholiken in Nordirland war ja kein reiner religiöser Konflikt.:
Wir sollten nicht in die Falle Bin Ladens tappen: Der Westen denkt, dass der Islam die Wurzel der Radikalisierung ist, also sehen wir automatisch in Bin Laden den Vorreiter der muslimischen Welt. Vielmehr sollten wir ihn bekämpfen als Terroristen, nicht als Muslim. Faktisch werden junge Menschen nicht deshalb zu Terroristen, weil sie den Koran lesen oder in die Moschee gehen. Sie tun es um der Wirkung willen. Sie sind die wirklichen Erbberechtigten der Ultralinken der 1970er Jahre: besessen von Amerika und der Wall Street, sind sie antiimperialistischer als die Befürworter der Scharia. Ein Blick in die auf Video aufgezeichneten Inszenierungen der Enthauptungen der Geiseln im Irak genügt, um zu sehen, dass es sich um Reproduktionen des Mordes an Aldo Moro durch die Roten Brigaden handelt – das hat nichts zu tun mit der traditionell muslimischen Vorstellungswelt.
Die Geschichte junger Terroristen ist die eines individuellen Heldensprungs zur Rettung der Umma der religiösen Gemeinschaft aller Muslime, vor der westlichen Barbarei. Die Religion spielt keine besondere Rolle in dem Prozess individueller Radikalisierung. Wir sollten diesen Heroismus delegitimieren, indem wir die Geschichte vom Heldentum entlarven, anstatt die muslimische Gemeinschaft aufzufordern, den Terrorismus zu verdammen – sie tun es, aber niemand scheint es zu hören.
Das ist etwas das mir auch schon aufgefallen ist. Wenn der iranische Staatschef Khomeini eine Fatwa gegen Salman Rushdie ausspricht dann wird diese Nichtnachricht auch heute noch immer wieder gerne hochgekocht obwohl die offizielle Meinung des Islam dazu schon schnell feststand:
Religiöse Autoritäten in Saudi-Arabien und die Scheiks der berühmten Al-Azhar-Moschee in Kairo verurteilten die Fatwa als illegal und dem Islam widersprechend.[1][2] Dies begründeten sie anhand der Tatsache, dass die Scharia es nicht gestatte, einen Menschen ohne ein Gerichtsverfahren zum Tode zu verurteilen und es außerdem außerhalb der islamischen Welt (bzw. Staaten, in denen die Scharia angewendet wird) sowieso keine Rechtskraft habe. Auf der Islamischen Konferenz im März 1989 haben alle Mitgliedsstaaten der Organisation der Islamischen Konferenz (ausschließlich Iran) der Fatwa widersprochen.
Natürlich haben die Qualitätsmedien auf diese Nachricht weitgehend verzichtet. Genauso gibt es zwei Fatwas der bedeutendsten islamischen Rechtsgelehrten gegen den Terror. Die eine stammt vom 9. November 2004 und wurde von Scheich Izz-Eddine Al-Khatib Al-Tamini, Berater Seiner Majestät König Abdullah II für Islamische Angelegenheiten, Oberrichter und Vorsitzender des Fatwarates, in Anwesenheit Seiner Majestät König Abdullah II während des Festes für die Lailatul Qadr in der Al Hashimiyeen Moschee in Tala’Al Ali vorgetragen. Diese Amman Message gibt es selbstverständlich auch in deutscher Übersetzung:
Wir missbilligen religiös und moralisch die gegenwärtige Interpretation des Terrorismus. Diese verführt zu falschen Taten, egal wie sie sind oder woher sie kommen, in Form von Angriffen auf das menschliche Leben, eine Form, die die Gesetze Allahs überschreitet; sie erschreckt den friedfertigen Menschen und schadet den schuldlosen Zivilisten, sie lässt Verletzte verenden und tötet Geiseln, indem unmoralische Mittel wie Sprengungen von Gebäuden und Stätten durchgeführt werden:
… und tötet nicht die Seele, die Allah verboten hat (zu töten), außer aus einem rechtmäßigen Grund!
(Sura 6 al-An’am – Das Vieh,Vers 151)Und wir missbilligen diese Taten und meinen, dass Mittel zur Bekämpfung von Unrecht und Durchsetzung der Gerechtigkeit nur dann erlaubt sind, wenn sie legitim sind. Wir appellieren an die Umma, dass sie Kraft und Stärke aufbringt, um den Wiederaufbau und die Wahrung der Rechte zu gewährleisten. Es ist uns klar, dass Extremismus im Laufe der Geschichte die Vernichtung großer Bauten in großen Zivilisationen verursacht hat und dass der Baum der Kultur eingeht, wenn sich die Herzen verschließen und der Neid sich ausbreitet. Extremismus in allen Formen ist befremdlich im Islam, der sich auf Toleranz und Gerechtigkeit stützt. Und es ist für einen Menschen, dessen Herz von Allah erleuchtet wird, nicht möglich, ein Extremist zu werden. Gleichzeitig missbilligen wir die verunglimpfenden Kampagnen, die den Islam als eine Religion, die die Brutalität befürwortet und den Terror unterstützt, darstellen.
Wir rufen alle Nationen dazu auf, sich ernsthaft zu bemühen, die internationalen Gesetzte durchzusetzen und die Abkommen zu respektieren und die von der UNO erlassenen Beschlüsse einzuhalten und alle Parteien zu verpflichten, diese anzunehmen und in die Tat umzusetzen, ohne Doppelmoral beim Abwägen, damit die Berechtigten zu ihrem Recht kommen und das Unrecht beendet wird. Dies wird einen großen Beitrag zur Beendigung der Gründe für Gewalt, Übermaß und Extremismus liefern.
Die Führung des Islam, dem wir die Ehre haben anzugehören, ruft uns dazu auf, uns mit der heutigen menschlichen Gesellschaft zusammenzuschließen und an ihrer Weiterentwicklung und an ihrem Aufwärtsstreben beizutragen und mit allen Kräften des Guten und der Vernunft und den Rechtschaffenden bei allen Völkern zusammenzuarbeiten. …
Man kann es kaum deutlicher ausdrücken, trotzdem hört man so gut wie nichts aus unseren Medien. Auch die Fatwa gegen den Terrorismus der Darul-Uloom-Deoband, der einflussreichsten islamischen Hochschule Asiens fand keine Gnade in unseren Qualitätsmedien. Dabei haben diese Fatwas nur das noch einmal wiederholt, was längst gültige Lehrmeinung aller wichtigen islamischen Schulen ist.
Dabei muss man berücksichtigen das der Islam, ähnlich wie die Protestanten, anders als die Römisch Kahtolische Kirche oder die Russisch Orthodoxen kein Kirchenoberhaupt kennen. Der Islam hat also das geleistet was er als religiöse Kraft leisten kann.
Aber anstatt die Menschen zu ehren und in den Medien zu würdigen, die sich für Vernunft und gegen den Terror einsetzen, schaffen wir breiten Raum für die Hetzkampagnen der Amerikaner oder lassen deutsche “Edelfedern” ihren unkontrollierten Hass und ihre Wut über ihr eigenes Versagen ins Land brüllen.
Natürlich haben wir Probleme den Anderen, den Fremden richtig einschätzen zu können, Jürgen Habermas hatte zu diesem Thema eine seiner eher selten gewordenen Sternstunden:
Jürgen Habermas antwortete sichtlich beeindruckt. Man müsse verstehen, dass Europa sich schwer tue mit den Muslimen. Die christlich-säkulare Mehrheitskultur wisse – gerade in Deutschland -, wie lange der Weg zu den europäischen Werten sei, wie viele Rückschläge es gegeben habe. Wie sehr man immer wieder auch auf Druck von Außen angewiesen gewesen sei, um Toleranz lernen zu können. Das Misstrauen gegenüber den Neuankömmlingen habe seine Wurzel auch im Misstrauen gegenüber sich selbst. Es rühre auch her aus der Erfahrung, die man mit sich selbst gemacht habe.
Ja. Gerade wir Deutschen haben allen Grund uns selber nicht zu trauen. Wie oft erleben wir das die europäischen Werte nur eine dünne Tünche über Rassenhass, Angst und blinder Wut sind. Es ist sicher nicht verkehrt sich und sein Umfeld zu hinterfragen. Natürlich müssen und dürfen in diesem Kontext auch islamische Haltungen hinterfragt werden. Aber Tariq Ramadan hat noch eine Botschaft für uns:
Es ist kurios, dass man angesichts der Möglichkeit der Aufnahme der Türkei in die europäische Union eine Debatte darüber führt, ob Europa ein islamisches Land – zudem noch ein säkularer Staat – verkraften könne, während längst Millionen Muslime gute Europäer geworden sind. Sie sind jedenfalls bessere, tolerantere, offenere Europäer als die Europäer selbst es während eines Großteils ihrer Geschichte waren: “Man verlangt von uns bessere Europäer zu sein, als die Europäer selbst es sind.”
Europa muss sich ein neues Bild von sich machen. Wer heute in Europa von “wir” und “denen” spricht, der muss begreifen, dass “die” längst zum “wir” gehören. Ein Europa ohne Muslime ist unmöglich geworden.
..
Es hat lange gedauert, bis man in Deutschland begriff, dass es die deutschen Juden waren, die zuerst Deutsche waren. Die meisten Deutschen fühlten sich als Hessen, Frankfurter, Bayern, Pfälzer, bevor sie sich als Deutsche begriffen. Die Juden hatte keine Chance, sich als Bayern zu begreifen. Sie wollten Deutsche sein. Vielleicht befindet sich Europa heute in einer ähnlichen Situation. Die Iren sind zuallererst Iren, die Dänen Dänen, die Deutschen Deutsche, die Belgier zuerst Flamen oder Wallonen; den Einwanderern, denen es verwehrt wird, Iren, Dänen, Deutsche zu werden, von denen aber verlangt wird, europäischer zu sein, als die Europäer es jemals waren, bleibt nichts anderes übrig, als Europäer zu werden. Sie werden die ersten wirklichen Europäer sein. Ohne Muslime kein Europa.
Wenn wir uns selbst in unserem Anspruch an ein gemeinsames Haus Europa ernst nehmen, werden wir nicht umhin kommen uns ans Nachdenken zu machen. Gerade im Zusammenhang mit Europa stehen wir alle unter Bewährung. Nicht weil wir uns gegen Europa versündigt hätten, sondern weil wir bisher nicht viel getan haben um Europa den Politikern und Bürokraten wegzunehmen. Es ist Zeit das wir unser Haus in Freiheit und Demokratie einrichten. Dazu gehört auch die Wahrheit zu akzeptieren und nicht künstlich Menschen wegen ihres Glaubens auszugrenzen.
Ach ja. Die aktuelle Verfolgung des Islams und der Muslime in Europa existiert. Sie ist auch in Deutschland noch nicht mit dem vergleichbar was mit den Juden in der europäischen Geschichte immer wieder passierte und seinen Höhepunkt im Holocaust fand, aber es werden die gleichen schlimmen Methoden angewandt. Die Deutschen haben es den Juden nicht gedankt, dass die Juden die ersten Deutschen waren, es wäre schön wenn den Muslimen dieses Schicksal als erste Europäer in Europa erspart bleiben könnte. Es besteht Gefahr.
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