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Nachrichten an China oder Das Herz eines Autoren

Von Daniel Neun | 29.Mai 2008

Der offene Brief von Volker Bräutigam und Wolf Gauer an Botschafter Ma Canrong ist eine Revolte in der medialen Kolonie Deutschland

Es bedurfte zweier Autoren der Alten Schule um angesichts der wie aus dem Nichts ausbrechenden Unruhen von Minderheiten im 1.3 Milliarden Bürger zählenden China, inmitten des wie von Sinnen brüllenden transatlantischen Kriegsgeheuls, einen Leuchtturm anzuschmeissen der gegen den Sturm hält.
Er wirft Licht in eine neue Zukunft der Deutschen als Parlamentäre zwischen den Blöcken und beleuchtet die dunkle Vergangenheit des 47 Jahre dauernden deutschen Kaiserreiches.

Die vom Königreich Preussen 1871 geschaffene, totalitäre Militärnation hatte seinerzeit die blutigen Vernichtungskriege der Deutschen in Afrika und Asien begonnen.
Diese standen im völligen Gegensatz zur bis dahin verlaufenden Geschichte eines föderal und regional völlig unterschiedlich geprägten Handels-, Bauern- und Kulturvolkes, dessen Gebiete im Laufe der Jahrhunderte selbst oft Austragungsort von Gemetzeln verschiedener europäischer Imperien gewesen war.

DER KOLONIALISMUS DES DEUTSCHEN KAISERREICHES (1871-1918)

Dieses Thema ist bis heute ein Tabu. Selbst bei Wikipedia murmelt man im Artikel über den Kolonialismus des Kaiserreiches nur widerwillig etwas von 100.000 Toten in “Deutsch-Ostafrika” in 1905/1906 und dem 10 Jahre dauernden Unterdrückungskrieg gegen die Hereros in “Deutsch-Südwestafrika”, welchen von 80.000 Angehörigen der Volksgruppe nur 12.000 überlebten.
Der “Boxeraufstand” wird nur am Rande gestreift. In diesem Krieg der Grossmächte USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Österreich-Ungarn und Russland gegen China im Jahre 1900 wurde eine offenbar bis heute nie recherchierte Anzahl von Chinesen durch die einrückendenen Kolonialmächte umgebracht.

DIE DEUTSCHEN UND DER BOXERKRIEG

Im Zuge des “Boxerkrieges”, der nach der sozialen Bewegung der “Yihetuan” aus verschiedenen Kampfkunstschulen benannt wurde, fiel am 20.Juni 1900 auch der deutsche Botschafter in Peking, Clemens August Freiherr von Ketteler – mitten in den Kampfhandlungen.

Bereits am 10. Juni war ein 2.066 Mann starkes internationales Expeditionskorps unter dem Befehl des britischen Admirals Seymour aus Tianjin nach Peking marschiert, “um die Gesandtschaften in Peking zu schützen”. Es wurde jedoch von den aufständischen Chinesen besiegt.
Dennoch wurde den ausländischen Botschaftern noch am 19.Juni ein Ultimatum zum Verlassen der chinesischen Haupstadt gesetzt.
Aber diese hatten sich stur geweigert, ihre so wertvolle Kolonie einfach zu verlassen.

Nach dem Tode Kettelers hielt daraufhin der preussische König und Kaiser von Deutschland, Wilhelm II., seine berüchtigte “Hunnenrede”.
(Noch heute werden wir deswegen in britischen Pubs und Palästen “the huns” genannt)

“Eine große Aufgabe harrt eurer: ihr sollt das schwere Unrecht, das geschehen ist, sühnen. Die Chinesen haben das Völkerrecht umgeworfen, sie haben in einer in der Weltgeschichte nicht erhörten Weise der Heiligkeit des Gesandten, den Pflichten des Gastrechts Hohn gesprochen. Es ist das um so empörender, als dies Verbrechen begangen worden ist von einer Nation, die auf ihre alte Kultur stolz ist. Bewährt die alte preußischen Tüchtigkeit, zeigt euch als Christen im freudigen Ertragen von Leiden, mögen Ehre und Ruhm euren Fahnen und Waffen folgen, gebt an Manneszucht und Disziplin aller Welt ein Beispiel…

Ihr sollt fechten gegen eine gut bewaffnete Macht, aber Ihr sollt auch rächen, nicht nur den Tod des Gesandten, sondern auch vieler Deutscher und Europäer. Kommt Ihr vor den Feind, so wird er geschlagen, Pardon wird nicht gegeben; Gefangene nicht gemacht. Wer euch in die Hände fällt, sei in Eurer Hand. Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutschland in China in einer solchen Weise bestätigt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.”

Am 14.August 1900 fiel Peking.
Die imperialen Truppen, darunter die Deutschen, plünderten die Jahrtausende alte Stadt drei volle Tage.
Danach begannen “Strafexpeditionen” in der nordchinesischen Provinz Zhili, die sich noch nicht unterworfen hatte. Morde, Plünderungen, Vergewaltigungen durch die “westlichen” Soldaten als endloses Mittel des Terrors, als Schrecken der Unterdrücker, damit das Volk der Chinesen es niemals wagen sollte sich jemals wieder zu erheben.

Der amerikanische Befehlshaber vermerkte dazu:
„Man kann mit Sicherheit sagen, dass auf einen wirklichen Boxer, der getötet wurde, fünfzehn harmlose Kulis und Landarbeiter, unter ihnen nicht wenige Frauen und Kinder, kamen, die erschlagen wurden.“

Die von den Allierten aufgezwungenen Friedensbedingungen waren, auch für die weitere Entwicklung Chinas, katastrophal.
Noch bis zum Jahre 1940 (!) musste die Chinesen 1.4 Milliarden Goldmark Reparationen und “Entschädigungen an betroffene Ausländer” zahlen, weil sie sich mit einem Aufstand gegen ein Leben als Sklaven wehrten, unter Zuständen welche bereits mit den “Ungleichen Verträgen” Mitte des 19.Jahrhunderts begonnen hatten.
Hier nun der Brief der Autoren Volker Bräutigam und Wolf Gauer, dessen Grossvater einst selbst kaiserlicher Marineinfanterist in China gewesen war…

AnSe. Exzellenz, Herrn Botschafter Ma CanrongBotschaft der Volksrepublik China in DeutschlandMärkisches Ufer 5410179 Berlin

Bitte um Entschuldigung

Exzellenz, sehr geehrter Herr Botschafter Ma,

den Bürgern der Volksrepublik China möchten wir, die unterzeichnendendeutschen Staatsbürger, unser großes Bedauern ausdrücken über die Tibetbetreffenden, nicht dem Frieden dienenden Aktivitäten und Äußerungen derdeutschen Bundeskanzlerin A. Merkel. Ebenso bedauern wir offizielleErklärungen der Bundesregierung und einiger Abgeordneter aus Bund undBundesländern zur Tibet-Problematik sowie die agitatorische Rolle deshessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. Weiterhin betrachten wir diezu diesem Kontext passenden Stellungnahmen einzelner deutscherKörperschaften als beschämend und meinen damit ganz besonders dieverfälschende, heuchelnde und verhetzende Berichterstattung vielerdeutscher Massenmedien. Die Bürger der Volksrepublik China umEntschuldigung zu bitten halten wir für unumgänglich, seit feststeht,dass Deutschland innerhalb kaum eines Jahres schon wieder zur Bühne fürpropagandistische, chinafeindliche Auftritte des Dalai Lama gemacht wird.

Wir äußern unser großes Bedauern, weil wir die düstere, von grausamerUnterdrückung des einfachen Volkes geprägte Geschichte der tibetischenTheokratie nicht ignorieren können und weil wir der Ansicht sind, dassder von der Volksrepublik China im zurückliegenden Vierteljahrhundertgeleistete, notwendige soziale Aufbau im Gebiet der tibetischen Ethnienweit mehr zu würdigen wäre, als dies bisher bei uns in Deutschlandgeschieht. Wir übersehen dabei keineswegs Verstöße früherer Regierungenin Beijing gegen die in der International Bill of Human Rightsverbrieften Rechte der Bevölkerung in der Provinz Tibet.

Wir sind allerdings der Meinung, dass die jüngsten Gewaltausbrüche inLhasa und anderen tibetischen Zentren von den USA und ihren Verbündeteninitiiert, geschürt und ganz bewusst kurz vor den Olympischen Spielen inBeijing als aussichtsreicher politischer Pressionsversuch inszeniertworden sind.

Die Exzesse (anfänglich abscheuliche Pogrome gegen chinesisch-stämmigeBewohner Lhasas, teils angeleitet resp. angeführt von tibetischenMönchen) entsprechen nach unserer Kenntnis in keiner Hinsicht derTradition buddhistischer Konfliktbewältigung. Sie weisen, wie das imFalle einer eigenständigen, also nicht ferngelenkten sozialen Bewegungdoch eigentlich zu erwarten gewesen wäre, auch keinerlei "Vorlauf" auf-- trotz besonderer Anlässe, z.B. der Wahl Beijings als Austragungsortder Olympischen Spiele vor einigen Jahren.

Die demonstrative Instrumentalisierung des Konfliktes und seinesExponenten Tenzin Gyatso (Dalai Lama) liegen in erster Linie imInteresse politischer Gegner und wirtschaftlicher Konkurrenten derVolksrepublik China. Sie liegen nicht im Interesse der BevölkerungTibets und nicht im Interesse eines friedlichen Zusammenlebens derMenschen und aller Völker.

Wir meinen, dass viele gutgläubige, über Geschichte und Gegenwart Tibetsaber leider nur unzureichend informierte Deutsche zu einer emotionalen,polarisierten Betrachtung des chinesisch-tibetischen Verhältnissesverleitet wurden. Viele Deutsche kultivieren unreflektiert dasromantische Tibet-Bild einer farbigen, harmonischen Mönchs-Republikunter der Leitung eines gütigen, hochweisen Dalai Lama -- und werden vonden Massenmedien absichtlich in dieser Scheinwelt gefangen gehalten.Dieser Tibet-Schimäre wird von Politik und Konzernmedien das Zerrbildeiner aggressiven und kulturfeindlichen Volksrepublik Chinagegenübergestellt, wie es weitgehend der US-amerikanischen Propagandaentspricht.

Wir sind der Meinung, dass die deutsche Regierung vor allemUS-amerikanischen Interessen entgegen kommt, die in wiederholtenEinmischungen und Aggressionen der CIA in Tibet erkennbar wurden unddokumentiert sind (sogar in US-amerikanischen Quellen).

Die deutsche Regierung unterstützt so die weltweite Separations-Politikder USA zur Schaffung kleiner und damit abhängiger Staaten, sei es auswirtschaftlichen oder aus militärischen Gründen. Das tibetische Hochlandist von großer strategischer Bedeutung. Diese und seineRohstoff-Reserven verleiten Washington und seine Verbündeten zuVersuchen, ein "asiatischen Kosovo" herbeizuführen. Die Haltung derdeutschen Regierung, insbesondere ihre kalkulierte politische Aufwertungdes Dalai-Lama, sind vom gleichen Ungeist geleitet wie ihre völker- undverfassungsrechtlich verfehltes Vorgehen in Afghanistan, Afrika undJugoslawien.

Wir möchten deshalb Abbitte leisten gegenüber dem chinesischen Volk, dasschon einmal Opfer übler deutscher Kolonialpolitik gewesen ist. Wirglauben, zugleich für viele Deutsche zu sprechen, die noch nicht denverfälschenden Darstellungen unserer führenden Politiker und derkommerzialisierten Massenmedien erlegen sind.

Mit vorzüglicher HochachtungVolker Bräutigam und Wolf Gauer, Autoren

Eckart Spoo, verantw. Redakteur u. Mitherausgeber der PolitikzeitschriftOssietzky (dort erschien in Heft 10/2008 eine Kurzfassung des Briefeswww.sopos.org/ossietzky )Dr. Wolfgang Bittner, SchriftstellerRenate Schoof, SchriftstellerinArmin Fiand, Rechtsanwalt,Klaus Hartmann, Bundesvorsitzender des Deutschen Freidenker-Verbandesund Vizepräsident der Weltunion der Freidenker,Thomas Immanuel Steinberg, (der Offene Brief wurde aufwww.steinbergrecherche.com veröffentlicht),Jürgen Rose, Oberstleutnant und Publizist,Rolf Berthold, Botschafter der DDR in der VR China von 1982 bis 1990,Gert Flegelskamp, Rentner (der Offene Brief wurde auf www.flegel-g.deveröffentlicht),Harald Schorneck,Uwe Scheer, Hamburg,Günter Schenk, Beinheim b. Straßburg,Günther Wassenaar,Hans Bauer, Rechtsanwalt, Vorsitzender der Gesellschaft zur Rechtlichenund Humanitären Unterstützung, GRH, Berlin,Werner Heinlein, Justizbeamter i. R.,Tilo Schönberg, Speditionskaufmann (der Offene Brief wurde aufwww.0815-info.de/News-file-article-sid-10285.html veröffentlicht),Knut Mellenthin, Freier Journalist,Hans Christange, GRH-Mitglied, Jurist (ehem. Staatsanwalt der DDR)Ingrid Hacker-Klier, Diplom-Übersetzerin,Johannes Klier, Musiker,Peter Kleinert, NRhZ-Redakteur und Filmemacher (der Offene Brief wurdeauf www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=12422 veröffentlicht)Dr. Werner Rügemer, Publizist, Vorsitzender von Business Crime Control (BCC)Manfred Demmer, stellv. Vorsitzender Kulturvereinigung Leverkusen e.V.Renate Schönfeld Pfarrerin i. R,BerlinKlaus von Rau
ssendorff, Publizist (Bonn),Karin Keller, TherapeutinUlrich Sander, JournalistBrigitte Queck, Dipl. Staatswissenschaftlerin AußenpolitikWilly H. Wahl, Direktionsmitglied Migros-Genossenschafts-Bund (pens.)(der Brief ist aufhttp://seniora.org/index.php?option=com_content&task=view&id=275&Itemid=83veröffentlicht)Wilhelm Schulze-Barantin, Frankfurt / M., Vorsitzender OrtsgruppeOffenbach des Deutschen Freidenkerverbandes (DFV),Peter Betscher, Vereinigung für Internationale Solidarität, Darmstadt,Anneliese Fikentscher, Dipl. Ing. und Publizistin,Andreas Neumann, Systemanalytiker,undRuedi Bosshart, Schweizer BürgerVeröffentlichung erfolgte auch auf der Seitewww.arbeiterfotografie.com/tibet

Der Brief wird zudem an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages perE-Mail versandt. Er wurde auf der Seitewww.antikriegsforum-heidelberg.de/glob_krieg/china/offener_brief_entschuldigung_china.htmlveröffentlicht.Ebenso in der "junge Welt" www.jungewelt.de/2008/05-26/056.phpDer Unterzeichnergruppe traten bei:Joachim Guilliard, Software-Ingenieur, Journalist und Autor, HeidelbergHartmut Barth-Engelbart, Schriftsteller und KabarettistHelmut Pannek, HWP, ApelernHans-D. Ziran, Hofheim, Vorstand Initiative BürgerschaftlichenEngagements e.V. sowie die I.B.E.-Vorstandsmitglieder Elke J. Atzinger,Schwandorf, Jörg-M. Ziran, Hofheim (auf den Offenen Brief wird auf derSeite www.amsel.webstar-media.com/?modul=news&id=26 verwiesen)Ingrid Koschmieder,Heinz MannSamy Yildirim, Zaandam, NiederlandeDr. Helmut Böttiger, Verleger a.D., TaunussteinWulf Kirschner, HamburgIvo Lundt, SchriftstellerHarald Nestler, Berlin, ehem. Handelsrat der DDR in der VR ChinaDr. Günter Golenia, Berlin, ehem. Dozent (Humboldt Universität)Zoltan Ivanfi, RostockHans-Peter Köhn, Vermessungsingenieur

(...)weitere Artikel:26.05.08 This Is Eco-Warfare25.03.08 Medienfälschungen über Tibet und Kundus-Attentat 200717.03.08 China: NATO-Lobby ruft zum Weltkrieg15.03.08 Angriff in Ostasien10.09.07 Weltweite Flottenmanöver von USA,Indien,Deutschland,Kanada,Australien und Japan
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